Wirtschaft

Die Kirschblüte in der Fränkischen Schweiz (hier unterhalb des Bergs Ehrenbürg – landläufig als „Walberla“ bezeichnet) ist nicht nur bei Touristen beliebt. Im Landkreis Forchheim liegt das größte zusammenhängende Süßkirschengebiet Europas. (Foto: FrankenTourismus/FRS/Hub)

16.08.2019

Was regionale Produkte wert sind

Das Forschungsprojekt „ReProLa“ der Metropolregion Nürnberg soll neben ökonomischen auch soziale und ökologische Leistungen der Flächennutzung ermitteln

Rund 70 000 Hektar landwirtschaftliche Flächen sind in den letzten Jahren in der Metropolregion Nürnberg verloren gegangen. Sie wurden in Wälder (33 Prozent), Siedlungen oder Verkehrsinfrastruktur (25 Prozent) umgewandelt. Hier setzt das Forschungsprojekt „ReProLa – Regionalproduktspezifisches Landmanagement in der Metropolregion Nürnberg“ an. Es wird durch die Geschäftsstelle der Metropolregion koordiniert. Bei der vor Kurzem stattgefundenen Kick-off-Veranstaltung in der Orangerie in Erlangen stellten die Projektpartner von der Universität Erlangen, der Forschungsgruppe Agrar- und Regionalentwicklung Triesdorf (ART), der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS) und der Stadt Nürnberg erste Ergebnisse und Forderungen vor.

Nachhaltiges Flächenmanagement


„Ziel von ReProLa ist eine umfassende Neubewertung von Flächen, die neben ökonomischen auch soziale und ökologische Leistungen der Flächennutzung berücksichtigen“, sagte Hermann Ulm (CSU), politischer Sprecher des Projekts und Landrat des Landkreises Forchheim. „So können wir am Ende den Wert von Anbauflächen typischer Regionalprodukte wie zum Beispiel der Süßkirsche genau beziffern und uns für nachhaltiges Flächenmanagement in der Region stark machen.“ Der Landkreis Forchheim habe das größte zusammenhängende Süßkirschengebiet in Europa. 50 Prozent der Areale würden landwirtschaftlich genutzt. Durch die für Pendler attraktive Lage würden jedoch wertvolle landwirtschaftliche Flächen verbaut. ReProLa könne dabei helfen, die vielseitige Kulturlandschaft mit regionalen Produkten zu bewahren.

„In der Metropolregion Nürnberg leben die glücklichsten Menschen nach Hamburg im gesamten Bundesgebiet. Das müssen wir auch zeigen“, erklärte Armin Kroder (Freie Wähler), stellvertretender Ratsvorsitzender der Metropolregion Nürnberg, Landrat des Landkreises Nürnberger Land und Bezirkstagspräsident von Mittelfranken. Die Metropolregion Nürnberg, das seien 23 Landkreise und elf kreisfreie Städte – vom thüringischen Landkreis Sonneberg im Norden bis zum Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen im Süden, vom Landkreis Kitzingen im Westen bis zum Landkreis Tirschenreuth im Osten. „3,5 Millionen Einwohner erwirtschaften ein Bruttoinlandsprodukt von 134 Milliarden Euro jährlich“, so Kroder. Das entspreche in etwa der Wirtschaftskraft von Ungarn. Eine große Stärke der Metropolregion Nürnberg sei ihre polyzentrale Struktur: Rund um die dicht besiedelte Städteachse Nürnberg-Fürth-Erlangen-Schwabach spanne sich ein enges Netz weiterer Zentren und starker Landkreise. Die Region biete deshalb alle Möglichkeiten einer Metropole – jedoch ohne die negativen Effekte einer Megacity. Bezahlbarer Wohnraum, funktionierende Verkehrsinfrastruktur und eine niedrige Kriminalitätsrate mache die Metropolregion Nürnberg für Fachkräfte und deren Familien äußerst attraktiv. „Wir wollen die Heimat für Kreative sein, was Neues ausprobieren, mit dem Blick auf Nachhaltigkeit. Dafür ist ein Leitbild nötig, an dem sich die Gemeinden orientieren können“, erklärte Kroder.

Kaution hinterlegen


„Wie viel Wert hat offenes, atmendes Land?“, fragte Josef Göppel (CSU), Vorsitzender des Deutschen Verbands für Landschaftspflege. Der aktuelle Flächenverbrauch in Bayern betrage 11,7 Hektar pro Tag. Die Versiegelung habe durchschnittlich um 44,7 Quadratkilometer pro Jahr zugenommen. „Bei der Erstellung von Windrädern muss eine Kaution hinterlegt werden, da das Fundament bei Nichtmehrnutzung wieder ausgegraben werden müsse. Bei Gewerbehallen kräht kein Hahn danach“, kritisierte Göppel. Die von der bayerischen Staatsregierung geforderte Richtgröße von fünf Hektar pro Tag Flächenverbrauch seien ohne Veranschaulichung auf Gemeindeebene nicht umsetzbar. „Klarzustellen ist, dass die landesweite Richtgröße kein Herunterbrechen – zum Beispiel auf einzelne Gemeinden – bedingt“, so Göppel (Gesetzentwurf BayLplG 2019). Eine aggressive Flächenausweisung, wie sie zurzeit üblich sei, sei weiterhin möglich. Der aggressive Bürgermeister, der sage, die fünf Hektar gelten für die Anderen, bringe den Nachbarn in Zugzwang. „Darum muss jeder Gemeinderat wissen, wo seine konkrete Richtgröße liegt“, so Göppel.

„Unser Ziel ist, Lösungen für den Umgang mit der knappen Ressource Land zu finden und nicht, die Landwirtschaft zu ärgern“, betonte Otmar Seibert vom Forschungsteam der Forschungsgruppe Agrar- und Regionalentwicklung Triesdorf (ART). Zurzeit sei es für die Gemeinderäte schwierig zu sehen, was bei ihren Flächen laufe. Deshalb sei es nötig, die Flächennutzungsveränderungen für die Metropolregion Nürnberg in den letzten 15 Jahren zu erfassen und ein Flächennutzungsmonitoring zu entwickeln, das die Flächenrelevanz ausgewählter Regionalprodukte systematisch darstellt.

Bewertungskriterien für „typische“ Regionalprodukte seien die Entfernung zwischen Produktion und Konsum beziehungsweise Vermarktung, die Wertschöpfungsgröße (produzierte Tonne pro Jahr), der Anteil der Direktvermarktung, die Produktidentität in Bezug auf die Metropolregion, die Flächeninanspruchnahme (pro Kilojoule Endprodukt), die Umweltbelastung (Pestizideinsatz), die Treibhausgasemissionen (Landwirtschaft, Transport) sowie der Ressourcenverbrauch (Wasser). Das Monitoring-Tool solle dann in den Kommunen eingesetzt werden können und ein umfassendes Bild von Flächennutzung und Flächenrelevanz in der Region zeichnen. Dabei würden neben den ökologischen Effekten wie dem Beitrag zur Biodiversität auch Ökosystemdienstleistungen bewertet.

Daten für die Steuerung der Flächennutzung


Um Entscheidungsgrundlagen für nachhaltiges Flächenmanagement zu liefern, untersucht die Universität Erlangen unter Federführung von Tobias Chilla die Wertschöpfung ausgewählter Regionalprodukte in der Metropolregion. „Die ökonomische Relevanz regionaler Produkte werde tendenziell unterschätzt“, so Chilla. Als besonders relevante Regionalprodukte würden unter anderem Süßkirschen, Spargel, Karpfen sowie Sommergerste und Hopfen für die Bierherstellung untersucht. Damit könnten für Kommunen relevante Daten und Argumente für die Steuerung der Flächennutzung beziehungsweise für die Sicherung der Ressource Land für landwirtschaftliche Flächen geliefert werden. Für die Herstellung von Bier werde zirka ein Prozent der Fläche in Bayern in Anspruch genommen. Einer von 500 Beschäftigten arbeite in der Bierherstellung. Die Branche erwirtschafte einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr. Bei den Süßkirschen gebe es zirka 177.000 Bäume in Bayern, 579 Anbaubetriebe, davon 301 im Landkreis Forchheim. Die Fläche für den Süßkirschenanbau betrage 560 Hektar bei einer Ernte von 2600 Tonnen.

Michael Melzer vom Institut Raum und Energie des Bundesforschungsministeriums erklärte zu dem wissenschaftlichen Querschnittsvorhaben: „ReProLa ist ein Projekt von derzeit zwölf Projekten deutschlandweit. In der zweiten Runde werden es 20 Projekte sein.“ Ziel sei es, die Projekte in Austausch zu bringen, damit einer von dem anderen profitiere und Kompetenzen gebündelt werden könnten. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt ReProLa im Rahmen der Fördermaßnahme „Stadt-Land-Plus“ mit 2,74 Millionen Euro. Die Projektlaufzeit betrage fünf Jahre, wobei die Forschungs- und Entwicklungsphase im September 2021 abgeschlossen sein soll. Im Oktober 2021 schließe sich die zweijährige Umsetzungsphase an.

Forschungsergebnisse in Projekte überführen


„Das Konfliktpotenzial bei diesem klassischen Stadt-Land-Projekt ist immens“, resümierte Christa Standecker, Geschäftsführerin der Metropolregion Nürnberg. Das Projekt solle helfen, die Argumentationslinie für regionale Produkte zu stärken. Es gebe keine Zahlen über Arbeitsplätze und Einkommen. Die Antwort darauf solle ReProLa geben. Die Forschungsergebnisse sollen auch in konkrete Projekte überführt werden. In Zusammenarbeit mit Fraunhofer und der Biometropole Nürnberg würden ab 2021 neue Vermarktungs- und Vertriebswege für Regionalprodukte, die Optimierung der Logistik und Projekte zur Bewusstseinsbildung (begehbare und erlebbare Wertschöpfungsketten) entwickelt und umgesetzt. Mit der Regionalkampagne „Original Regional“ gebe es bereits Anknüpfungspunkte. Am Ende des Forschungsprojekts solle ein Leitbild für ein großräumiges Flächenmanagement in der Metropolregion Nürnberg stehen, das den Kommunen als Richtlinie und Handlungsempfehlung diene. Im Leitbildprozess würden unter anderem Landschaftspflegeverbände, Regionalplanung, Flächenmanager und Regionalmanagements mit einbezogen.
(Antje Schweinfurth)

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