Wirtschaft

Viele Menschen kehren Deutschland den Rücken. (Foto: dpa, Daniel Karmann)

21.08.2026

Auswanderung von Fachkräften erreicht in Bayern neuen Rekord

Fast 47.000 Berufstätige haben im vergangenen Jahr in einer nach den einzelnen Bundesländern aufgeschlüsselten Studie des Statistischen Bundesamtes dem Freistaat in Richtung Ausland den Rücken gekehrt. Über die Gründe wird diskutiert. Auch hohe Steuern und Sozialabgaben sind ein Motiv zum Auswandern.

Finanziell starke Schultern sollen künftig noch deutlich mehr tragen als bisher, heißt es aus Teilen der Bundesregierung und der Opposition. Höhere Einkommens- und Vermögenssteuern sind im Gespräch. Was aber, wenn die Betroffenen das Land einfach verlassen? Fast 47.000 Berufstätige haben im vergangenen Jahr in einer nach den einzelnen Bundesländern aufgeschlüsselten Studie des Statistischen Bundesamtes dem Freistaat in Richtung Ausland den Rücken gekehrt. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Straubing und ist die höchste jemals gemessene Zahl. Neu oder zurück nach Bayern kamen nur 15.000 Berufstätige – ein Negativrekord.

Und unter den arbeitenden Exilanten, so das Bundesamt, seien überproportional viele Fachkräfte und Gutverdienende. Deren Know-how und Steuerkraft geht dem deutschen Staat somit verloren. Das Jobportal Indeed wiederum hat in einer repräsentativen Studie ermittelt, dass bis zu 30 Prozent der Erwerbstätigen zwischen Hof und Lindau zumindest bereits über einen Wegzug ins Ausland nachdenken oder sogar konkret Bewerbungen schreiben.

Vielfältige Gründe

Die Gründe sind vielfältig: Natürlich gibt es auch partnerschaftliche Bindungen oder Neugier auf andere Kulturen. Am häufigsten genannt werden aber die hohen Steuern und Sozialabgaben in Deutschland. Mit 105.000 Euro brutto im Jahr gehört Alexander Wehner (39), der seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen will, nicht zu jenen, für die Entlastungen angedacht sind. Der alleinstehende Münchner Biochemiker soll auch künftig mächtig abdrücken. „Mit Steuern und Sozialbeiträgen geht die Hälfte von meinem Gehalt weg“, klagt er. „Sorry, aber das mache ich nimmer mit.“ Wehners Ziel: Südkorea. „Die suchen händeringend Fachkräfte wegen ihrer seit Jahren extrem niedrigen Geburtenrate. Und die öffentliche Infrastruktur und Sicherheit sind top, da bekommt man was für sein Geld – anders als bei uns.“

Und was sagt die Wissenschaft? „Grundsätzlich ist das ein Signal, dass man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, zunächst fehlen sie ja erst mal am Arbeitsmarkt und als Steuerzahler“, meint Frank Wießner, Soziologieprofessor an der Katholischen Universität Eichstätt. Allerdings glaubt er, dass nicht alle Abgewanderten unbedingt auch dauerhaft im Ausland bleiben. „Gerade für junge Leute kann das auch eher die Gelegenheit sein, zeitlich befristet Erfahrungen zu sammeln, beispielsweise bei einem internationalen Konzern, um ihren Marktwert zu steigern.“

Womöglich würden viele sich dann aber doch wieder zur Rückkehr entscheiden, wenn sie stärker auch Nachteile der Gastländer gegenüber den niedrigeren Steuern in den Blick nehmen: beispielsweise die oft komplett in finanzieller Eigenverantwortung liegende Kranken- und Rentenversicherung. Doch mit seiner These einer möglichen Rückkehr nach entsprechenden Erfahrungen könnte der Wissenschaftler auch irren, wie das Jobportal Indeed in besagter Untersuchung ermittelt hat. Vor allem unter den weggegangenen fachlichen Spitzenkräften und Führungspersönlichkeiten will eine deutliche Mehrheit (77 Prozent) für immer im Ausland bleiben.

In Wachstum investieren

Ein „strukturelles Problem, dass die wirtschaftliche Entwicklung ausbremst“, sieht Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), in den aktuellen Zahlen. Firmen seien aufgrund der demografischen Entwicklung eigentlich dringend auf diese Leute angewiesen, schon so schrumpfe das Personal bereits. Doch Arbeitnehmern bliebe eben im Ausland „schlichtweg mehr Netto vom Brutto, weil bei uns die Steuerbelastung sowie die Beiträge zur sozialen Sicherung zu hoch sind“.

Dass das Land „attraktiver und wettbewerbsfähiger werden muss“ ist für Brossardt essentiell. Das Reformpaket der Bundesregierung „setzt richtige Impulse, geht aber nicht weit genug“.
Dass womöglich primär hohe Steuern und Sozialabgaben die Menschen aus Bayern wegtreiben, davon will man beim SPD-Landeverband nichts wissen. Neben dem Bedürfnis nach Auslandserfahrungen macht die Vorsitzende Ronja Endres „hohe Lebenshaltungskosten, Bürokratie oder fehlende Perspektiven“ verantwortlich. Deshalb müsse man „in Wachstum investieren und gute Arbeit bis hin zu einer verlässlichen Alterssicherung gewährleisten“.

Das klingt immerhin konziliant. Ihr Parteifreund, der ehemalige Gesundheitsminister und SPD-Grande Karl Lauterbach, hatte bei X (vormals Twitter) gepostet, er könne „das Gejammere über die hohen Sozialbeiträge (schnief!) nicht mehr hören“. Auf die Abwandernden, so Lauterbach, könne Deutschland „gut verzichten“.
(André Paul)

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