In einem aktuellen Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) über die Daseinsvorsorge werden die 10.941 Gemeinden Deutschlands detailliert untersucht. Die Stadt Haar bei München kommt auf Platz eins und ganz Nordrhein-Westfalen steht gut da.
BSZ: Herr Magel, Sie haben jahrzehntelang über das Verhältnis zwischen Stadt und Land geforscht und den Menschen Tipps gegeben. Blickt man in der aktuellen IW-Studie genauer auf Bayern, schneiden auffällig viele Orte schlecht ab. Das ist auch in Teilen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsens und Thüringens so. Wie bewerten Sie das?
Holger Magel: Für viele bayerische Landes- und Kommunalpolitiker dürften manche Ergebnisse nicht überraschend sein, jetzt haben sie es allerdings schwarz auf weiß – so man Methode, Kategorienauswahl und Kriterien akzeptiert. Der Landkreis Regen zum Beispiel liegt bezüglich Mobilität nur auf Rang 9484, die recht bekannte Gemeinde Aldersbach in Niederbayern insgesamt auf Platz 8827,wobei auch hier die Mobilität mit Rang 10 180 einen der hintersten Plätze in ganz Deutschland einnimmt. Das passt so gar nicht mit den Erfolgsmeldungen der Heimatberichte des Heimatministeriums und dem gerne vom bayerischen Ministerpräsidenten verkündeten Anspruch zusammen, Bayern sei das Paradies auf Erden.
BSZ: Passt die Studienmethodik?
Magel: Man muss sagen, dass die stark vom Wirtschaftsdenken geprägte, wegen ihrer Gemeindeschärfe einmalige Untersuchung nicht das ganze Bild von Lebensqualität und Lebensgefühl abgibt und damit stark angreifbar ist. So sind schon in der Untersuchung die subjektiven Einschätzungen der Befragten besser als der sogenannte objektive Befund.
BSZ: Warum?
Magel: Beim objektiven Befund fehlen die jüngst auch von CSU-Parteivize Manfred Weber angemahnten und nicht erhobenen sozialen Werte Heimat, Naturliebe, Zusammenhalt, Gemeinsinn und Bürgerschaftliches Engagement et cetera, die meines Erachtens durchaus in Kriterien messbar gewesen wären. Ich bin sicher, dass das europäisch prämierte Golddorf Huglfing im Landkreis Weilheim einen wesentlich besseren Platz als den 3333ten errungen hätte, wären das beispielhafte Bürgerengagement und der gerade durch Dorferneuerung geförderte großartige Gemeinschaftsgeist berücksichtigt worden. Stutzig werde ich auch, wenn ich das eher mäßige Ranking Huglfings in der Kategorie Freizeit sehe. Nur Platz 5410 in einer der schönsten Urlaubsgegenden Deutschlands? Heimatminister Albert Füracker könnte deshalb sein in der BSZ vom 16. August 2024 gemachtes Zitat zu im Lande unterschiedlicher Daseinsvorsorge und ungleichwertigen Lebensverhältnissen erneuern: „Es ist alles eine Frage der Sichtweise. Der eine liebt die U-Bahn, der andere die Natur.“
BSZ: Welche Rolle spielen ÖPNV und Nahversorgung bei solchen Rankings?
Magel: Natürlich sind der ÖPNV und die vom IW kaum untersuchte Nahversorgung gerade im ländlichen Raum überragend wichtig. Die immer noch bestehenden Defizite kennen wir längst. Auch der objektive Befund beziehungsweise das individuelle Gefühl, dass die vorhandene schlechte Infrastruktur die Wut auf die da oben oder auf den Staat allgemein nährt, woraus die Neigung beziehungsweise Bindung zur AfD verstärkt wird, liegt längst auf dem Tisch. Jetzt kann man sich nur noch ärgern, wenn man die IW-Rankings von urbanen und ländlichen Regionen vergleicht. Deshalb bin ich kritisch gegenüber solchen Untersuchungen und ihren medial meist verkürzt verbreiteten Ergebnissen, von denen es ja schon viele gibt.
BSZ: Die bringen also nichts?
Magel: Solche Rankings haben – so gut sie unter Umständen gemeint sind – auch negative Effekte im Sinne von self-fulfilling prophecy, das heißt, jetzt bekommt man auch noch deutschlandweit verglichen und bestätigt, dass vieles schlecht ist und man im „Armenhaus“ der Republik lebt. Vehement hat deshalb der Bürgermeister der saarländischen Gemeinde Tholey, Andreas Maldener, die Methode und Bewertung seiner ländlichen Gemeinde in der IW-Untersuchung kritisiert. Er spricht nicht nur „von einem verzerrten Bild der tatsächlichen Lebens- und Versorgungsrealität im ländlichen Raum und einer Überbewertung der Urbanität“, sondern er warnt vor den gesellschaftlichen Folgen pauschaler Negativbewertungen des ländlichen Raumes. Solche Darstellungen könnten Frustration und Politikverdrossenheit fördern, wenn funktionierende Strukturen und tatsächliche Lebensqualität nicht ausreichend berücksichtigt und gewürdigt würden. Er wird sicher nicht der einzige Kritiker aus dem ländlichen Raum bleiben. Ich meine also: Wir wissen schon viel, wir müssen endlich handeln! So wie wir es seit Jahrzehnten bei der ländlichen Entwicklung versuchen. Aber das geht nicht allein: Alle Behörden, Unternehmen und Institutionen müssen die Stärkung des ländlichen Raumes betreiben, gerade jene, die für die Rahmenbedingungen zum Beispiel des ÖPNV und der Nahversorgung zuständig sind.
BSZ: Wie sehr treiben Defizite bei ÖPNV und Nahversorgung die Menschen in die Arme der Parteien des rechten Spektrums? Gerade in den neuen Bundesländern sorgen ja junge AfD-Mitglieder am Land dafür, dass ältere Menschen nach wie vor Zugang zu Lebensmitteln und ärztlicher Versorgung haben.
Magel: Die Untersuchung des IW gibt wie schon vorherige Untersuchungen neuerliche Antworten auf den Zusammenhang von Unzufriedenheit, Verbitterung, „entfesseltem Misstrauen“ und dem „Gefühl des Abgehängtseins“ mit der Neigung zu Parteien des rechten Spektrums. Leider bestätigt auch das IW, dass Menschen, die der AfD nahestehen, nicht positiv auf ihre objektiv womöglich eher gute Lebenssituation blicken wollen. Wir wissen also längst davon.
BSZ: Und was nun?
Magel: Das IW spricht von einer Pessimismusbrille, die diese Menschen tragen. Und wenn junge AfD-Mitglieder solche Stimmungen bei bedürftigen älteren Menschen nutzen, wie von Ihnen erwähnt, dann kann ich nur raten, dass das bürgerschaftliche Lager und der Staat da nicht tatenlos und achselzuckend zusehen, sondern durch viel Mut und Vertrauen gebende ehrenamtliche Aktionen handeln sollen. Als Gründungsmitglied des Runden Tisches Bürgerschaftliches Engagement kann ich nur immer wieder dazu auffordern, bürgernahe und Menschen direkt unterstützende Aktionen zu starten, die alle zusammenführen und positiv in die gemeinsame Zukunft blicken lassen, wie es bei partizipativen Dorf- und Stadterneuerungen, ILE-, ISEK- oder LEADER-Projekten geschieht. Wenn wir nichts tun, machen wir uns schuldig.
BSZ: Was bedeutet das für die Demokratie?
Magel: Wie gesagt: Wir machen uns schuldig an unserer Demokratie, wenn wir da nur zuschauen. Die derzeit vieldiskutierte Erika Mann hat einmal gesagt: „Ich war der irrigen Auffassung, dass Politik Sache der Politiker wäre und ich mich in fremder Leute Angelegenheiten nicht einmischen sollte. So haben viele gedacht und so kam Hitler an die Macht.“ Auch Kommunalpolitik als Herzstube unserer Demokratie ist nicht allein Sache der Kommunalpolitiker, sondern aller Bürger. Daseinsvorsorge und Nahversorgung werden vor Ort erlebt. Dort – so auch die IW-Untersuchung – entstehen bei Defiziten Frust und Unzufriedenheit. Deshalb beginnt die AfD nun auch den Marsch von unten nach oben. Die bayerischen Kommunalwahlen im März 2026 haben gerade im ländlichen Raum bereits erschreckende Ergebnisse gebracht – und das war erst der Anfang! Ich weiß allerdings immer noch nicht, was gutsituierte und hochausgebildete Bürger in wohlhabenderen Regionen zur AfD treibt. Hier fehlen seriöse Untersuchungen, und genau die bräuchten die Politiker der bürgerlichen Mitte jetzt. Ist es pure Lust am Zündeln, am defätistischen Denkzettel verteilen oder ist es einfach verantwortungsloser Übermut? Sind es die sozialen Medien, die an keinem Politiker mehr ein gutes Haar lassen? Das macht mich ratlos. Ich denke oft an Erika Mann und ihren berühmten Vater und ihren dann zu späten Kampf.
BSZ: Unter den Menschen kann man ein urbanes Überlegenheitsgefühl und ein ländliches Minderwertigkeitsgefühl spüren. Wie kann man diese Spaltung überwinden?
Magel: Von dieser gesellschaftlichen Spaltung spricht vor allem Lukas Haffert, der früher als andere diesen Gegensatz aufzeigt und sogar von einer kulturellen Spalt- oder Bruchlinie zwischen den mehrheitlich grün-linken Urbanisten und der konservativen Landbevölkerung spricht. Er begründet damit auch deren politisches Wahlverhalten. Ja, er warnt, wenn es so weitergehen sollte, vor einer Unregierbarkeit im demokratischen Spektrum Deutschlands. Wir wissen: Diese Warnung ist längst kein Szenario mehr, es droht Realität zu werden.
BSZ: Wie aber überwinden?
Magel: Indem Städte und das Land mehr aufeinander zugehen, wie das nun endlich und mit frischer Energie auch im Münchner Raum im Rahmen der Internationalen Bauausstellung versucht wird und in Nürnberg unter dem früheren Oberbürgermeister Ulrich Maly und der kürzlich verabschiedeten Metropolregionsgeschäftsführerin Christa Standecker schon früh eingeleitet und sehr erfolgreich umgesetzt wurde. Das Medical Valley liegt nicht in Nürnberg! Arbeitsplätze, Wohnungsbau, Infrastruktur sollten also fair aufgeteilt werden und nicht nach dem Motto „die attraktiven Arbeitsplätze in die Stadt, die Wohnungen und belastenden Infrastrukturen draußen“. Innerhalb der Kleinstädte und der sie umgebenden Gemeinden kann gerade die ILE sehr positive Entwicklungen in Gang setzen. Der „Europameister“ Hofheimer Land ist dazu ein ganz herausragendes Beispiel. Dabei muss nicht in jeder Kommune die volle Infrastrukturausstattung sein, es genügt, wenn sie dezentral in Nachbarorten angeboten wird. Ich vermute stark, dass diese übergemeindliche Kooperation und Aufgabenteilung in der Daseinsvorsorge bei der IW-Untersuchung nicht berücksichtigt wurde, ansonsten hätte Hofheim wie Tholey einen besseren Platz erhalten müssen.
BSZ: Die meisten Fördergelder fließen in Infrastrukturmaßnahmen für die Städte. Ist das gerecht?
Magel: Ich bin kürzlich von einem langjährigen Landbürgermeister und ehemals führenden Mitglied des Bayerischen Gemeindetags darauf angesprochen worden. Ja, im Moment sieht es so aus, dass die Städtebauförderung sehr viel oder gar zu viel Geld hat, sodass sie auch in typischen Dorferneuerungsgemeinden fördern will. Hier geht es darum, wie es nun in Unterfranken schon geschieht, vernünftige Lösungen der Zusammenarbeit und nicht der Konkurrenz zu finden, denn das Geld soll ja im Interesse der Dörfer – allerdings sinnvoll – ausgegeben werden. Mir selbst als langjährigem Verantwortlichen der Dorferneuerung wäre es natürlich am liebsten, wenn das Geld auf Grundlage von vorher partizipativ erstellten Leitbildern und innovativen Zukunftsdiskussionen investiert werden könnte. Nachhaltig, integrativ, interkommunal und klimaresilient sollen die Dörfer entwickelt werden: Vielfach scheitert dieser hohe Anspruch, weil der Verwaltung für Ländliche Entwicklung das Personal fehlt. Es rächt sich jetzt, dass vor Jahrzehnten zu stark abgebaut wurde. Diese Personalschwäche wird teilweise durch verstärkte Einschaltung freiberuflicher Partner und durch Einbindung von ILE-Akteuren aufgefangen, aber es genügt meiner Meinung nach nicht. Eines sollte man auch in Bayern bei allen Sparmaßnahmen bedenken: Überall in der Welt, wo es schwache ländliche Räume gibt, fehlt das politische Bewusstsein für eine gleichwertige Entwicklung von Stadt und Land und eine starke Verwaltung für den ländlichen Raum.
BSZ: Mit Behördenverlagerungen, die eben erst im Landtag gewürdigt wurden, will die Staatsregierung gegensteuern.
Magel: Die Strategie funktioniert, wie gerade die vielen Beispiele der besonders vorbildlichen Vermessungsverwaltung und der Ländlichen Entwicklung zeigen. Ich habe aber immer gesagt, dass die Wirtschaft folgen muss. Da muss noch mehr geschehen. Mit hoher Befriedigung, weil ich ja auch angegriffen wurde wegen meiner befürwortenden Haltung, weise ich heute auf die Stadt Tirschenreuth hin, wohin das Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz verlagert wurde. Dieses angebliche Bayerisch-Sibirien gehört mitsamt Landkreis inzwischen zu Deutschlands Vorzeigeregionen und wurde im ebenfalls im Mai veröffentlichten Standort-Ranking des IW als Aufsteigerregion bestplaziert. Der jetzige IW-Gemeindecheck Daseinsvorsorge gibt mit seiner Platzierung (Gesamtplatz 1574) das nicht annähernd wieder und sorgt nur für Widerspruch und Kopfschütteln. Ich kann dem IW nur empfehlen, künftig zurückhaltender zu sein mit solchen in kurzen Intervallen veröffentlichten eher verwirrenden Platzierungen.
(Interview: Ralph Schweinfurth)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!