Wirtschaft

Produktion vor Ort bedeutet auch Wertschöpfung vor Ort: Im BMW-Werk im niederbayerischen Dingolfing wird der neue 4er montiert. (Foto: BMW Group)

04.09.2020

"Wir brauchen den Zugang zu den Weltmärkten"

Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags, über internationale Arbeitsteilung und den Exporterfolg bayerischer Unternehmen

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron will mehr Produktionskraft in sein Land holen. Im Corona-Wiederaufbauplan des deutschen Nachbarn sind 15 Milliarden Euro für Innovation und Standortverlagerungen vorgesehen.

BSZ: Herr Gößl, wäre so ein Programm wie in Frankreich auch für die bayerische Wirtschaft nötig?
Manfred Gößl: Deutschland und nochmal stärker der Freistaat Bayern sind die Globalisierungsgewinner. Unser Wohlstand und unser wirtschaftlicher Erfolg basiert ganz wesentlich auf dem Zugang zu den Weltmärkten und auf der internationalen Arbeitsteilung. Allein jeder zweite Arbeitsplatz in der bayerischen Industrie hängt am Auslandsgeschäft. Ein Rückzug ins Nationale und weiterer Protektionismus wäre definitiv der falsche Weg und würde weitaus mehr Schaden anrichten als unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft zu nutzen. Das Problem sind nicht zu offene Weltmärkte, sondern eine immer größere Abschottung, die schon vor Jahren einsetzte und seit der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump erheblich geschürt wird. Entscheidend für unsere Unternehmen ist, nicht in zu große Abhängigkeiten von einzelnen Kunden oder Lieferanten zu kommen. Diversifizierung lautet deshalb die richtige Unternehmensstrategie, auch was die Handels- oder Investitionsmärkte betrifft. Deshalb ist es für die große Mehrheit der bayerischen Unternehmen keine Option, ihre Standorte oder die Produktion zurück nach Deutschland zu holen.

BSZ: Oder genügt es, wenn Bayerns Unternehmen im Verbund mit anderen europäischen Unternehmen produzieren?
Gößl: Was sich als Konsequenz aus der Corona-Krise, aber auch wegen des zunehmenden Protektionismus als Auslaufmodell erweisen wird, ist die Globalisierungsstrategie in Reinform, nämlich an einem einzigen Produktionsstandort für die ganze Welt zu produzieren. Mehr Diversifizierung bedeutet, dass an mehreren Standorten für bestimmte Märkte produziert wird, um größere Unabhängigkeit und auch Sicherheit in der Lieferkette zu erlangen. Dazu wäre Ihr Vorschlag, im Verbund mit anderen europäischen Unternehmen zu produzieren, sicherlich ein Weg.

BSZ: Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang offene Grenzen in Europa und funktionierende Lieferketten?
Gößl: Wir haben zu Beginn der Corona-Pandemie in Europa gesehen, welche fatalen Folgen die Grenzschließungen für unsere Wirtschaft hatten: Unternehmerinnen und Unternehmer konnten keine Handelspartner mehr besuchen, viel Bürokratie und lange Quarantänezeiten im grenzüberschreitenden Warenverkehr und Lastwagen standen an den Grenzkontrollen in teils langen Staus. Die Errungenschaften des EU-Binnenmarkts mit der Freiheit des Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehrs sind für Bay-ern als Wirtschaftsstandort im Herzen Europas lebenswichtig.

BSZ: Muss die EU-Kommission nicht die EU-Mitgliedstaaten viel mehr in die Pflicht nehmen, nie wieder Grenzschließungen wie am Anfang von Corona vorzunehmen?
Gößl: Ein Zurückschrauben der europäischen Integration würde unserer Wirtschaftsleistung gewaltigen Schaden zufügen. Gerade in dieser Zeit, in der es bayerische Betriebe auf weltweiten Absatzmärkten entweder durch Protektionismus oder die Corona-Pandemie viel schwerer haben, konzentrieren sich Firmen verstärkt auf europäische Länder. Dafür braucht es offene Grenzen und funktionierende Lieferketten innerhalb der Union. Für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft ist das unabdingbar. Die EU-Staaten müssen sich zukünftig besser und früher abstimmen, um ihre physischen Schlagbäume an den Grenzen für den Güter- und Personenverkehr auch in Zeiten einer Pandemie offen zu halten. Dafür muss sich auch die Kommission immer wieder aufs Neue einsetzen und die nationalen Staats- und Regierungschefs in die Pflicht nehmen.

BSZ: Welche Branchen müssten denn zuerst eine heimische Produktion aufbauen?
Gößl: Wir haben am Anfang der Corona-Pandemie gesehen, dass sich Staaten um pandemierelevante medizinische Produkte einen regelrechten Wettkampf lieferten. Daher ist es schon durchaus nötig, dass für spezifische Medizinprodukte und Medikamente die nationale Versorgungssicherheit für den Pandemiefall mehr in den Fokus rücken muss.

BSZ: Inwiefern würde so eine Konzentration auf die Heimat den bayerischen Exporterfolg konterkarieren?
Gößl: Eine solche zweckbestimmte Sicherung der Vorsorge für den Pandemiefall wird nach unserer Einschätzung so gut wie keine negativen Rückwirkungen auf die bayerischen Exporterfolge aufweisen. Es handelt sich um einen klar abgrenzbaren Fall, der idealerweise zumindest im EU-Verbund, mithin auch im Rahmen der WHO und der WTO als Sonderfall abgestimmt wird.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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