Wissenschaft

In seiner Inszenierung der Oper Robin Hood von Albert Dietrich am Theater Erfurt interpretiert Regisseur Jürgen Weber das Verhältnis von König Richard Löwenherz (Peter Schöne, hinten) und Robin Hood (Markus Petsch) auf etwas andere Art. (Foto: dpa/Michael Reichel)

22.02.2021

Hätte Richard seinen Robin heiraten dürfen?

Ein Bamberger Historiker forscht zu Möglichkeiten gleichgeschlechtlicher Ehen im Mittelalter

Die Ehe für alle, die auch gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschließung erlaubt, ist ein Thema der Gegenwart. Und doch reicht die Diskussion historisch weit zurück. Schon im Mittelalter wurde laut Klaus van Eickels, Historiker an der Universität Bamberg, darüber nachgedacht.

„Hugo von St. Viktor, einer der bedeutendsten Theologen im 12. Jahrhundert, stellte die Frage, warum denn nicht ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau heiraten solle“, erläutert der Geschichtsprofessor. Für Hugos Zeitgenossen, den englischen König Richard Löwenherz – dessen Homosexualität historisch relativ sicher verbürgt ist – wäre es womöglich eine überlegenswerte Option gewesen. Nur aus reiner Untertanen-Loyalität dürfte Robin Hood wohl nicht jahrelang so leidenschaftlich für seinen zeitweise verschollen geglaubten König gekämpft haben.

Der schwule Edward II. wurde brutal ermordet

Richards Nach-Nachfolger Edward II. kostete seine offen praktizierte gleichgeschlechtliche Liebe rund 150 Jahre später allerdings das Leben – auf ziemlich brutale Weise: Dem inzwischen im Auftrag seiner wütenden Gattin Isabella abgesetzten und eingesperrten Monarchen wurde von den gedungenen Mördern eine glühende Eisenstange durch ein abgesägtes Kuhhorn in den After getrieben; als zynische Anspielung auf seine erotischen Neigungen.

Die Rache der Königin, die auch durch den Erzbischof von Canterbury als obersten englischen Geistlichen gerechtfertig wurde, verwundert im Kontext der Zeit kaum: „Gleichgeschlechtliche Handlungen galten mittelalterlichen Theologen als schwere, ja als himmelschreiende Sünde, die das Strafgericht Gottes auf die gesamte Gemeinschaft herabrief, die solche Handlungen in ihrer Mitte duldete“, erläutert Klaus van Eickels. „Ausgehend von der Jungfräulichkeit Marias – die auch durch ihre Ehe mit Josef nicht angetastet wurde – argumentiert Hugo von St. Viktor jedoch, dass die Ehe auch ohne Konsens zum fleischlichen Verkehr geschlossen werden kann. Er nennt eine mit dieser Maßgabe geschlossene gleichgeschlechtliche Partnerschaft sogar ein Bündnis lobenswerter Liebe, wenn sie etwa auf Solidarität und wechselseitige Hilfe ausgerichtet ist“, so der Bamberger Professor weiter.

Neue multimediale Reportage

Ein Sakrament wie bei der Ehe zwischen Mann und Frau hätte aber auch Hugo von St. Viktor für eine solche Verbindung abgelehnt. Und an dieser Bewertung hat sich in der katholischen Kirche bis heute nichts geändert, auch der vergleichsweise tolerante Papst Franziskus schließt sich dieser Auffassung an. Grund: Weil die Ehe den Bund der Liebe zwischen Gott und den Menschen abbilde, müsse eine klar erkennbare Ungleichheit zwischen den Partnern bestehen – wie sie nur in der Ehe zwischen Mann und Frau verwirklicht sei. Allerdings sprach sich der Pontifex für ein Gesetz aus, das zivile Partnerschaften von Homosexuellen ermöglicht. Es gibt also Parallelen zwischen damals und heute. Die kirchliche Ehelehre des Mittelalters ist im Vergleich zur sozialen Praxis bemerkenswert modern, da sie den individuellen und freien Konsens der Ehepartner in den Mittelpunkt stellt.

Eine neue multimediale Reportage präsentiert diese und andere wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zeit von 500 n. Chr. bis 1500. Die Online-Reportage stellt den Forschungsschwerpunkt „Kultur und Gesellschaft im Mittelalter“ der Universität Bamberg in Videos, Bildergalerien und Berichten vor. In einem Video etwa spricht Klaus van Eickels mit seinem Kollegen Christof Rolker, Professor für Historische Grundwissenschaften, über Partnerschaften im Mittelalter. (Patricia Achter, André Paul)

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