Wissenschaft

Gebiete, in denen heute schon das Klima realisiert ist, das Klimamodelle für den Augsburger Raum zum Ende des 21. Jahrhunderts vorhersagen, wenn die globalen Treibhausgasemissionen weiterhin dem SSP3-7.0 Szenario folgen. Kernpunkte dieses Szenarios sind: ein weiterhin hoher Verbrauch fossiler Energieträger, ohne dass zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen implementiert werden. Zu den prognostizierten Klimafolgen gehört ein deutlicher Rückgang des arktischen Meereises in den Sommermonaten bis 2070. (Grafik: Conradi)

09.03.2026

Wenn’s in Augsburg so heiß wird wie in Mailand

An der Universität Bayreuth erforscht man, wie sich der Klimawandel auf Ökosysteme auswirkt – das hat Folgen für den Naturschutz

Der Klimawandel schreitet beständig voran. Auch wenn einige Menschen das nicht wahrhaben wollen. Wie der Wandel genau ausfällt, ist aber schwer zu prognostizieren. Dennoch gibt es einige Trends.

„In Augsburg wird zum Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich ein Klima wie in Mailand herrschen“, sagt Timo Conradi, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Pflanzenökologie der Universität Bayreuth, der Staatszeitung. Er beschäftigt sich mit seinem Team vor allem mit den Fragen, wie sich der Klimawandel auf Ökosysteme auswirkt und wie man im Naturschutz mit diesen Veränderungen umgehen kann. „Unser Fokus liegt dabei auf Pflanzen“, so Conradi.

Der Naturschutz zielt ihm zufolge derzeit vor allem darauf ab, Populationen von Arten sowie historisch gewachsene Biodiversitätsmuster zu bewahren oder wiederherzustellen. Angesichts fortschreitender Klimaveränderungen sei aber fraglich, ob diese Ziele erreichbar bleiben, denn der Klimawandel verändere natürlich die Lebensbedingungen der Arten. „Der Naturschutz muss sich fragen, ob und wie der klimagetriebenen Veränderung von Ökosystemen entgegengewirkt werden kann. Oder ob das am Ende nicht ein Kampf gegen Windmühlen sein könnte und es daher sinnvoller wäre, den Wandel von Ökosystemen und Artengemeinschaften aktiv zu gestalten, um neuartige, aber klimaangepasste Ökosysteme mit hohem naturschutzfachlichem Wert zu fördern“, erläutert der Wissenschaftler.

Verlässliche Vorhersagen nötig

Um Entscheidungen zwischen diesen alternativen Strategien zu treffen, benötige man verlässliche Vorhersagen über Klimawandelauswirkungen auf die Pflanzenarten an einem Ort, zum Beispiel in einem Naturschutzgebiet. „Wenn die Auswirkungen mild sein werden, kann man vielleicht mit leichten Anpassungen des Pflege-Managements oder Verbesserungen der Habitatqualität den Status quo erhalten. Wenn die Klimawandelauswirkungen aber stark sein werden, sollte man auch über radikalere Maßnahmen nachdenken“, fordert Conradi. Dazu gehöre zum Beispiel „Assisted Migration“, also die vom Menschen unterstützte Wanderung von Individuen einer Art in klimatisch geeignetere Gebiete, oder die Veränderung der Struktur von Ökosystemen, etwa die Etablierung schattenspendender Strukturen oder Bäumen in Offenlandökosystemen. „Solche radikalen Maßnahmen sind kontrovers, teilweise entgegen dem aktuellen Naturschutzrecht, und mit Risiken verbunden. Aber es ist auch riskant, zu wenig zu tun“, mahnt der Wissenschaftler.

Er betont, dass es selbstverständlich eine sehr große Planungsunsicherheit gibt. „Wir wissen jetzt noch nicht, wie sich das Klima bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verändern wird, denn das hängt ganz maßgeblich von den künftigen globalen Treibhausgasemissionen ab.“

Entscheidungshilfen liefern

Aber Conradi entwickelt mit seinem Team Modelle zur Vorhersage von Klimawandelauswirkungen auf Arten und die Biodiversität, um eine Entscheidungshilfe bei der Planung von Anpassungsmaßnahmen zu liefern. „Dabei arbeiten wir mit unterschiedlichen Emissionsszenarien“, so der Wissenschaftler.

Bisher hätten er und sein Team das vor allem auf globaler und kontinentaler Ebene gemacht. „Wir arbeiten aber gerade daran, Vorhersagen für die pflanzliche Biodiversität in Bayerns Biotopen zu entwickeln, weil das für die Naturschutzpraxis vor Ort natürlich noch relevanter ist“, sagt Conradi.

In einem aktuellen Forschungsprojekt, das von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft gefördert wird, würden die Modelle bereits verwendet, um zu untersuchen, wie hoch das Klimawandelrisiko für Baumarten in Bayern sein wird und welche alternativen Baumarten man anbauen könnte. Conradi hofft, dass solche Modellvorhersagen auch im Naturschutz zu einer Debatte über die Zukunftsfähigkeit derzeitiger Leitbilder und geeignete Anpassungsmaßnahmen führen.

Allerdings rennt er damit keine offenen Türen ein: „Natürlich rückt man nicht gerne von langjährigen Pflegezielen und -praktiken ab, und hat ohnehin schon genug andere Herausforderungen als den Klimawandel.“ Deshalb, so vermutet Conradi, werden vermeintliche Modelldefizite immer wieder als Vorwand genutzt, um sich gar nicht erst ernsthaft mit den Implikationen der Modellvorhersagen auseinanderzusetzen.

„Neben der Erstellung von Zukunftsvorhersagen schauen wir uns aber auch an, wie sich die bisherigen Klimaveränderungen seit den 1980er-Jahren schon auf die Pflanzenwelt ausgewirkt haben“, so der Wissenschaftler. Auf globaler und kontinentaler Ebene erfolge das mithilfe von Satellitendaten, die seit dieser Zeit den Zustand der Vegetationsdecke der Erde monitoren. „Diese Daten verknüpfen wir mit Klimazeitreihen.“

Wacholderheiden untersuchen

„Aber auch zu dieser Thematik arbeiten wir verstärkt in Bayern: In einem aktuellen Forschungsprojekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, untersuchen wir zum Beispiel, wie sich die Vegetation der Wacholderheiden der Fränkischen Alb verändert hat“, so Conradi. In den 1930er- und 1980er-Jahren habe es fleißige Botaniker gegeben, die Pflanzenartenlisten in den Wachholderheiden angefertigt haben und vermerkt haben, wo genau sie diese Erhebungen gemacht haben. „Meine Doktorandin war den ganzen Sommer in der Frankenalb unterwegs und hat diese Erhebungen mit der gleichen Methodik wie damals an den gleichen Stellen wiederholt. Das ermöglicht es uns, den Biodiversitätswandel seit den 1930er-Jahren zu untersuchen und seine Treiber (Landnutzungsänderungen, Habitatfragmentierung, Klimawandel) zu untersuchen“, erklärt der Wissenschaftler.

Bergwälder in den Fokus nehmen

Ähnliche Untersuchungen habe er mit seinem Team schon in den Bergwäldern des Nationalpark Berchtesgaden und in den Bärwurzwiesen des Frankenwalds durchgeführt. Die Ergebnisse seien in beiden Studien ähnlich gewesen. „Wir haben eine Homogenisierung der Artenzusammensetzung auf Landschaftsebene und eine Zunahme wärmeliebender Arten beobachtet. Der Klimawandel hat also bereits in diesem frühen Stadium schon vielerorts zu Veränderungen in der Verbreitung von Pflanzenarten sowie der Biodiversität und der Funktionsweise von Ökosystemen geführt“, sagt Conradi. Das würden auch viele andere Studien anderer Autoren zeigen.

„Moore wieder vernässen und Biotope vernetzen ist gut und richtig. Aber es sind Maßnahmen, die man ohnehin machen sollte“. Wenn der Klimawandel aber hart ausfalle, und danach sehe es derzeit aus, müsse man wahrscheinlich interventionistischer werden und wissen, welche Arten man wann wo hinbringen muss oder wie man zunehmende Hitze und Trockenheit in Offenlandökosystemen abpuffern kann, um in 30 bis 40 Jahren nicht einen flächendeckenden Biodiversitätsschwund zu beobachten. „Genau das versuchen wir, mit unserer Forschung herauszufinden“, sagt der Wissenschaftler.

Bleibt nur zu hoffen, dass Conradis Forschungen auch bei den Entscheidungsträgern in Bayern auf fruchtbaren Boden fallen.
(Ralph Schweinfurth)

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!
Die Frage der Woche
X
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Beilagen

> Das neue vbw Unternehmermagazin ist online

Bundesforschungsministerin Dorothea Bär will mit ihrer Hightech-Agenda Deutschland technologisch auf ein neues Level bringen. Im Gespräch mit dem vbw Unternehmermagazin spricht sie über die Herausforderungen.

Jahresbeilage 2025

Nächster Erscheinungstermin:
28. November 2026

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 28.11.2025 (PDF, 16,5 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Das kunst- und kulturhistorische Online-Magazin der Bayerischen Staatszeitung

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Unser Bayern - Nachbestellen

Aktuelle Einzelausgaben des Online-Magazins „Unser Bayern” können im ePaper der BSZ über den App-Store bzw. Google Play gekauft werden.