Das Leben schreibt schon kuriose Geschichten. Jonas Gleich (CSU) ist 28 Jahre alt und damit aktuell Bayerns jüngster Landrat. Als sein Vorgänger Klaus Peter Söllner (Freie Wähler) 1996 ins Kulmbacher Landratsamt einzog, war Gleich also noch gar nicht geboren. Er kennt folglich von klein auf nichts anderes als einen Landrat Söllner.
Für viele andere im Landkreis ist es offenbar gefühlt genauso. Jedenfalls bekommt Gleich gelegentlich noch an den Landrat Söllner adressierte Post und bei Veranstaltungen passiert es ab und an, dass er mit „unser Landrat – äh – Jonas Gleich“ begrüßt wird. Kommt nach 30 Jahren bei so manchem eben noch nicht so leicht über die Lippen.
„Landrat Klaus Peter Söllner ist in Kulmbach nach 30 Jahren einfach ein stehender Begriff“, zeigt Gleich Verständnis. Vom Erbe des Vorgängers will sich Gleich nicht beeindrucken lassen, denn trotz seiner Jugend ist er kein Politneuling. Mit 22 Jahren war er schon in den Stadtrat von Stadtsteinach eingezogen und wurde umgehend Zweiter Bürgermeister.
Sein Motto: „Nicht später, sondern Gleich!“
Schon damals lebte er nach dem Motto, mit dem er seinen Landratswahlkampf erfolgreich führte. „Nicht später, sondern Gleich!“ warb er um die Stimmen der Wählerschaft. Schon im ersten Wahlgang setzte er sich mit 51,4 Prozent gegen drei Bewerber durch, Vorgänger Söllner war nicht mehr angetreten.
Dass er jetzt deutlich jünger ist als viele seiner Führungskräfte im Amt oder seiner täglichen Gesprächspartner, spürt er nach eigenem Bekunden nicht. „Da ist nichts von oben herab“, berichtet er und bekennt dazu freimütig, dass er für manchen Tipp von Menschen mit mehr Erfahrung auch dankbar sei. Wie man eine Kommunalverwaltung führt, hat Gleich in den vergangenen sieben Jahren hautnah verfolgen können. Beruflich war er in dieser Zeit Pressesprecher der Stadt Kulmbach und später auch Büroleiter des damaligen Oberbürgermeisters, des SPD-Politikers Ingo Lehmann. Das Parteibuch, sagt Gleich, spiele im Kommunalen eben keine so große Rolle.
Dabei schaut Gleichs Werdegang so aus, als ob dahinter ein Masterplan gestanden hätte. Nach dem Abitur studierte er in München Politik und arbeitete als Werkstudent in der Münchner CSU-Parteizentrale im Geschäftsbereich Kommunales. Geplant war sein Weg aber nicht, beteuert Gleich. „Ich habe Politik aus Interesse studiert und hatte keine Ahnung, was ich damit anschließend machen würde.“ Irgendwie sei eins zum anderen gekommen, und schließlich habe sich alles „mit Glück und Leistung so gefügt“.
Gleich gilt als umtriebig
Man tritt Gleich sicher nicht zu nahe, wenn man ihn als umtriebig beschreibt. Sein vielfältiges ehrenamtliches Engagement reicht bis in die Kindheit zurück. „Ich komme aus einem Dorf mit 120 Einwohnern, da bist du praktisch von Geburt an im Ehrenamt tätig“, scherzt er. Fast stimmt das sogar. Schon mit vier Jahren stand er das erste Mal auf einer Bühne. „Da habe ich Blut geleckt“, gibt Gleich zu. Vom Fasching zum Laientheater war es nicht weit, von dort der Schritt zum Moderator und Organisator von Musikveranstaltungen nicht groß. Zumindest bis vor seiner Wahl engagierte er sich bei der Faschingsgesellschaft Stadtsteinach.
Außerdem war Gleich schon mit zehn Jahren in der Landjugend tätig. Die Liste seiner Engagements ist so lang, dass ein 24-Stunden-Tag neben Schule, Studium und Beruf dafür eigentlich nicht auszureichen scheint. Was ihn antreibe, sei die Freude an der Arbeit und darüber, wie die Orte und der ganze Landkreis vom Einsatz der Ehrenamtlichen profitierten.
„Wenn wir das Ehrenamt nicht hätten, kämen wir abends von der Arbeit nach Hause, würden uns noch ein Brot schmieren und dann in die Röhre schauen, bis der Tag rum ist“, sinniert Gleich. Für ihn keine akzeptable Vorstellung. Denn: „Das Ehrenamt ist der Zuckerguss auf unserem Leben. Ohne Ehrenamt würde viel Lebensqualität wegbrechen.“ Umso mehr bedauert Gleich, im neuen Amt gewaltige Abstriche machen zu müssen. „60 Theaterproben im halben Jahr – das haut als Landrat nicht mehr hin.“
Im neuen Amt sieht sich Gleich jedenfalls großen Herausforderungen gegenüber. Auch der Landkreis Kulmbach und seine Kommunen sind finanziell nicht auf Rosen gebettet, vor allem die aus Berlin kommenden gesetzlichen Verpflichtungen schnüren Handlungsspielräume ein.
Sorgen um die Kulmbacher Klinik
Mit Argwohn blickt Gleich in diesem Zusammenhang auf die Pläne zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Er befürchtet, dass das Kulmbacher Krankenhaus, das derzeit als eines der wenigen in Bayern noch schwarze Zahlen schreibt, in die Verlustzone rutschen wird. Außerdem stehen hohe Investitionen in die Schulinfrastruktur an.
Gleich will aber nicht jammern, sondern anpacken trotz sich zuspitzender Finanznöte. Umso mehr erstaunt es, dass Gleich auf die Frage, welche drei Wünsche er an die „große Politik“ hätte, nicht sofort mit dem Ruf nach mehr Geld antwortet. An erster Stelle wünscht er sich „mehr Menschlichkeit“ in der Politik. Diese müsse den Blick stärker auf die Menschen richten, „die das Land am Laufen halten“.
Mehr "Nahbarkeit" nötig
Zudem brauche es mehr „Nahbarkeit“. Er nehme eine zunehmende Entfremdung der Bürger von ihren parlamentarischen Vertretern vor allem auf Bundesebene wahr. In Gesprächen sei kaum noch von „unseren Abgeordneten“ oder „unserer Bundesregierung“ die Rede, sondern von „denen in Berlin“. Und ja, drittens müssten in Berlin und München die Sorgen und Herausforderungen der Kommunen mehr Beachtung finden.
Mit seinen 28 Jahren hätte Gleich theoretisch gute Chancen, die Amtszeit seines Vorgängers Söllner noch zu toppen. 2056 wäre er 58, Söllner ist mit 69 in den Ruhestand gegangen. „Die Kommunalwahl im März hat doch gezeigt, dass es nicht gottgegeben ist, dass man automatisch wiedergewählt wird, nur weil man gute Arbeit macht“, blickt Gleich auf die dieses Mal hohe Zahl an abgewählten Amtsinhabern.
„Zu sagen, ich möchte auf Biegen und Brechen die nächsten Jahrzehnte Landrat bleiben, ist verwegen.“ Gleich hat zunächst einmal die kommenden sechs Jahre im Blick. Da liegt genug Arbeit vor ihm. „Und dann schauen wir weiter.“
(Jürgen Umlauft)
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