Abuzar Erdogan hat seiner Partei gezeigt, dass sie selbst in christsozialen Hochburgen siegen kann. Das Erfolgsrezept des 32-Jährigen: Der Sohn kurdisch-alevitischer Eltern ist in seiner Heimat fest verwurzelt, hat Wirtschaftskompetenz und gibt sich ideologiefrei. Er will bezahlbaren Wohnraum schaffen und örtliche Unternehmen stärken – doch mangels eigener Mehrheit wird dies nicht einfach.
65 Jahre lang regierten Politikerinnen und Politiker der CSU im Rathaus von Rosenheim. Bis am 22. März der erst 32-jährige SPD-Kandidat Abuzar Erdogan, Sohn kurdisch-alevitischer Eltern, den CSU-Amtsinhaber Andreas März in der Stichwahl mit 53,4 Prozent der Stimmen aus dem Amt kegelte. Ein junger Sozi mit Migrationshintergrund als Oberbürgermeister in einer konservativ geprägten, ihre oberbayerischen Traditionen lebenden Stadt? Und dann noch mit einem Nachnamen, der in Deutschland zumindest ambivalente Gefühle auslöst?
Womöglich ist das Geheimnis dieses Erfolgs gar nicht so groß. Er basiert am Ende vor allem auf Erdogans Selbstverständnis: „Ich bin Rosenheimer!“ In der Tat wurde Erdogan in Rosenheim geboren, wuchs dort auf, ging hier zur Schule und blieb auch nach seinem erfolgreichen Jurastudium in München für seine ersten beruflichen Stationen als Anwalt und als Syndikus einer Regionalbank in der Stadt.
Bereits in der Jugend ehrenamtlich engagiert
Als Jugendlicher war er schon in der alewitischen Jugendarbeit tätig, auch um seinen familiären Wurzeln in der Türkei nachzuspüren. Später war er Vorsitzender des Stadtjugendrings. 2014, noch 20-jährig, wurde er für die SPD in den Rosenheimer Stadtrat gewählt, 2020 übernahm er den SPD-Fraktionsvorsitz und seit 2023 ist er Chef des örtlichen SPD-Ortsvereins. Zweimal kandidierte Erdogan im Wahlkreis Rosenheim für den Bundestag, das allerdings mit recht überschaubarem Erfolg. Die Kandidaturen mit 19 und 23 Jahren seien zu früh gekommen, meint Erdogan heute rückblickend.
Aber jetzt im ersten Anlauf Oberbürgermeister? So wirklich damit gerechnet hatte Erdogan nicht. „Eine gewisse Chance muss man sich immer ausrechnen, sonst darf man so eine Kandidatur gar nicht antreten“, betont er. Natürlich seien die Aussichten nicht sehr groß gewesen, „aber wir wussten, es gibt den Hauch einer Chance“.
Das erste Mal habe er am Wahlabend des 6. März das Gefühl gehabt, dass es klappen könnte, als er mit nicht allzu großem Abstand hinter Andreas März in die Stichwahl gekommen sei. Im Stichwahlkampf habe er dann eine Wechselstimmung in der Stadt gespürt. Der Erfolg sei aber nicht nur sein eigener gewesen, sondern auch der des ihn unterstützenden Teams. „Man gewinnt Wahlen nur, wenn die eigene Mannschaft motiviert ist und mitläuft – das war in der Rosenheimer SPD der Fall.“
Seine Herkunft habe im Wahlkampf nie eine Rolle gespielt, erzählt Erdogan. Die Menschen würden ihn als Rosenheimer kennen und wahrnehmen. Auch die Namensgleichheit mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdo(g)an sei kein Thema gewesen. Jeder in Rosenheim wisse, dass er für den Namensvetter in Ankara keine Sympathien hege und auch nicht mit ihm verwandt sei. Aus seiner Sicht hat er im Wahlkampf mit den Themen gepunktet, die in der Stadt diskutiert und die Menschen bewegen würden. Und mit einer intensiven Kampagne auf Social Media. Damit habe er in kurzer Zeit eine hohe Reichweite und Bekanntheit erzielt und vor allem junge Menschen erreicht.
Abuzar Erdogan ist schon mit 15 in die SPD eingetreten. Vor allem die Grundwerte der Partei, wie Solidarität und Gerechtigkeit, und das unbeirrte Einstehen für die Demokratie hätten ihn dazu bewogen. Außerdem wusste er zu schätzen, dass die Bildungs- und Sozialpolitik der SPD früherer Jahre die Grundlage dafür war, dass er es als Kind aus einer gewiss nicht privilegierten, migrantischen Arbeiterfamilie zum Abitur und zum Juristen schaffen konnte.
Erkaltete Liebe
Allerdings ist die frühe Liebe zur SPD inzwischen etwas erkaltet. Die SPD sei noch immer seine Partei, stellt Erdogan klar, aber so, wie sie sich aktuell darstelle, könne er nicht zu 100 Prozent dahinterstehen. Erdogan stören die Flügelkämpfe in der Partei. Die SPD sollte sich mehr um die echten sozialen Fragen unserer Zeit kümmern, um bezahlbares Wohnen und Leben und um die Modernisierung des Staates. „Außerdem war die SPD immer dann stark, wenn sie sich auch mit einem wirtschaftspolitischen Profil präsentieren konnte“, schiebt Erdogan hinterher. Das fehle aktuell.
Ob er heute noch einmal in die SPD eintreten würde? „In die Rosenheimer SPD würde ich immer eintreten“, sagt er ohne zu zögern. Deshalb habe er im Wahlkampf seine Parteizugehörigkeit auch nicht versteckt – auch wenn ihm vorher mancher zur Verbesserung der Wahlchancen geraten habe, lieber als Parteifreier anzutreten. Obwohl er es nun allen gezeigt hat, wie man in Bayern auch mit SPD-Parteibuch erfolgreich in CSU-Hochburgen sein kann, drängt es Erdogan nicht in Ämter oder Rollen auf landes- oder bundespolitischer Ebene: „Meine Aufgabe ist jetzt Rosenheim, und zwar ausschließlich Rosenheim.“
Er habe großen Respekt vor der neuen Aufgabe als Oberbürgermeister. „Alles andere wäre gelogen.“ Er werde „mit größter Demut“ an die Sache herangehen. Die Herausforderungen seien groß. Die Stadt müsse moderner, digitaler und klimaresilienter werden, es fehle an bezahlbarem Wohnraum, die wirtschaftliche Basis müsse gestärkt und zudem müssten all die bundes- und landesrechtlichen Vorgaben umgesetzt werden. Einfach wird das nicht für den SPD-OB Erdogan, denn seine Partei stellt nur ein Fünftel der Mandate im Stadtrat.
Interessenkonflikte vermeiden
Zwar sei die jahrzehntelange CSU-Dominanz im Stadtrat gebrochen, dafür sei alles nun viel heterogener. Erdogan will versuchen, Kompromisse mit allen Kräften im Stadtrat zu finden – „außer natürlich mit den Radikalen“. Er sehe sich als Vermittler zwischen widerstrebenden Positionen, als Moderator und Impulsgeber. Mit seiner Erfahrung aus zwölf Jahren im Stadtrat glaubt Erdogan sich dafür gewappnet.
Aktuell fungiert Erdogan noch ehrenamtlich als Vorstandsmitglied des mit rund 2200 Mitgliedern größten Sportvereins der Stadt, dem Sportbund DJK Rosenheim. Bis zu den Vorstandsneuwahlen im kommenden Jahr will er im Amt bleiben. Ob es danach weitergeht, will er bis dahin entscheiden. Als OB müsse er schließlich für alle Vereine der Stadt da sein, da gelte es, Interessenkonflikte zu vermeiden.
Dagegen will Erdogan auf alle Fälle dem Rosenheimer Trachtenverein die Treue halten. Dort hat er auch das Schuhplatteln gelernt, gelegentliche öffentliche Auftritte wie zuletzt kurz vor seiner Amtseinführung inbegriffen. Ein Erdogan, der schuhplattelt – was für eine Geschichte, würde sie nicht in Rosenheim spielen!
(Jürgen Umlauft)
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