Es wird derzeit im politischen Berlin viel über die fachliche Kompetenz und Erfahrung von führenden Politikern gestritten. In Rott am Inn, einer 4100 Einwohner zählenden Kleinstadt gut 16 Kilometer nördlich von Rosenheim, gibt es dagegen keinerlei solche Kontroversen. Bürgermeister Daniel Wendrock kommt bei den Wählern parteiübergreifend an – kein Wunder also, dass er im März bei der Kommunalwahl mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt wurde.
Und das mit einem Resultat, das selbst in besten CSU-Zeiten für Schlagzeilen gesorgt hätte. 94,3 Prozent stimmten für Wendrock, der als gemeinsamer Kandidat für die Initiative „Bürger für Rott“ für CSU und Freie Wähler antrat. Und das bei 72 Prozent Wahlbeteiligung.
Massive Proteste gegen Flüchtlingsunterkunft
Der einzige Gegenkandidat des parteilosen 49-Jährigen kam von der AfD. Der Ortsverband der SPD hatte sich angesichts anhaltendem Mitgliederschwund aufgelöst. Dass die Menschen so deutlich hinter ihrem Rathauschef stehen, hat offensichtlich mehrere Gründe. Zum einen ist der diplomierte Verwaltungswirt ein Experte in Sachen öffentlicher Verwaltung, sammelte nach dem Studium berufliche Erfahrungen in Nordbayern, bevor er nach Rott am Inn kam und dort zwölf Jahre als Verwaltungsleiter arbeitete. Im Jahr 2020 trat er als überparteilicher Kandidat für die Bürger von Rott sowie die Sozialdemokraten an und wurde prompt auch gewählt.
Das sei damals schon eine große Umstellung gewesen. „Ich musste mit mir kämpfen, damit ich nicht zu sehr an den alten Aufgaben hängen bleibe“, erinnert er sich heute. Rückblickend sei die Kommunalpolitik nicht einfacher geworden. Vor allem die zunehmende Kommunalisierung vieler Aufgaben von Land und Bund sowie die weiter wachsende Digitalisierung seien bis heute besonders große Herausforderungen.
Dass ein „Zuagroaster“ sich so schnell etabliert und auch den Respekt der Einheimischen gewinnt, das fiel auch Wendrock nicht in den Schoß. Eigentlich stammt er aus Wuppertal, kam über mehrere Zwischenstationen in Süddeutschland an den Inn, woran auch seine aus der Region stammende Ehefrau wesentlich beteiligt war. Verdienen musste er sich die Anerkennung natürlich wie jeder andere auch.
Als große Erfolge seiner Amtszeit sieht er den Neubau des Schulhauses, der termin- und kostengerecht abgeschlossen werden konnte. Stolz ist er auch darauf, dass der Großteil der Bürgerinnen und Bürger seiner Gemeinde die Möglichkeit hat, online in einem schnellen Netz zu surfen. „Da hat uns die kompakte Struktur des Ortes sehr geholfen“, sagt Wendrock und führt das auf die Geschichte des Ortes als Sitz eines fast 1000 Jahre alten ehemaligen Benediktinerklosters zurück.
Der Rathauschef sieht diverse Vorteile der kompakten Struktur von Rott am Inn: „Andere Gemeinden in der Umgebung haben fünf Feuerwehren, wir brauchen nur eine.“
Zu dem Kloster gehörte übrigens bis Ende der 1990er-Jahre auch eine Klosterbrauerei, die in ihrer Endphase im Besitz der Familie von Marianne Strauß war. Die Ehefrau von Franz Josef Strauß ist zusammen mit ihrem Gatten in einem schlichten Mausoleum im Bereich des Klosters bestattet.
2023 schließlich rückte die kleine Kommune deutlich ins öffentliche Interesse. Der Plan des Landratsamts in Rosenheim, im angrenzenden Gewerbegebiet 500 Flüchtlinge unterzubringen, stieß auf wenig Gegenliebe. Es folgte ein Rechtsstreit zwischen Rott am Inn auf der einen und dem Landratsamt und der Regierung von Oberbayern auf der anderen Seite.
Wendrock wurde zur Führungsfigur
Wendrock wurde zur Führungsfigur. Dabei half ihm sicherlich seine Expertise als Verwaltungsfachmann bei diversen Verhandlungen vor Gericht. „Derzeit sind rund 120 Leute einquartiert“, so Wendrock. Die Baugenehmigung läuft bis 2028. Hier ist eine Klage am Verwaltungsgericht anhängig.
Von der politischen Gestaltungsmacht Wendrocks können viele andere Bürgermeister nur träumen. Allein mit den Bürgern für Rott, Freien Wählern und der CSU stehen 14 der 16 Gemeinderatsmitglieder nominell auf seiner Seite. Neuerdings ist er auch Mitglied im Kreistag als Parteifreier auf der Liste der Freien Wähler.
Was erwartet Wendrock nun in der neuen Amtsperiode? Der Streit um die Flüchtlingsunterkunft werde wohl trotz offiziell rückläufiger Flüchtlingszahlen weitergehen. Dazu warten Infrastrukturprojekte wie der Neubau der Kläranlage und der Aufbau eines Nahwärmenetzes. Gerade ist eine Studie zu Biomasse und Fernwärme in Arbeit.
Ein Dauerbrenner ist die Schaffung von ausreichend sozialem und seniorengerechtem Wohnraum. Auch in Rott werden die Menschen immer älter, wird Wohnraum stetig teurer. Dazu gibt es hier auch das im ländlichen Bereich bekannte Phänomen, dass in vielen Einfamilienhäusern mit 150 Quadratmetern Wohnfläche und mehr oft nur noch ein oder zwei Personen wohnen. Ein Thema, das man mit viel Sensibilität angehen und wofür man vernünftige Alternativen anbieten muss, weiß auch Wendrock.
Allmählich schleicht sich auch die künstliche Intelligenz in die Gemeindebüros. „Wir haben das bislang reduziert genutzt,“ sagt er, „aber während anderswo auch Reden mit KI erstellt werden, lege ich noch Wert darauf, das persönlich und individuell zu machen.“
(Georg Weindl)
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