Zu sagen, sie hätte bei null angefangen, wäre untertrieben. „Das war nicht null, das war minus hundert“, sagt Melanie Vogel und lacht. Die 53-Jährige ist seit Mai Bürgermeisterin von Karbach, einem Markt im unterfränkischen Kreis Main-Spessart mit knapp 1500 Einwohnern. Zur Wahl stellte sie sich ohne jede kommunalpolitische Erfahrung.
Das war zwar ein Abenteuer – allerdings eines, das sie bisher in keiner Weise bereut. Melanie Vogel kommt aus der Wirtschaft. 21 Jahre arbeitete sie für den Standort eines US-Konzerns in Marktheidenfeld. Dort hat sie in verschiedenen Bereichen gearbeitet und sogar Abteilungen geleitet. Führen kann sie.
Keine leichte Entscheidung
In ihrer Freizeit spielt sie in Karbach Theater. Scheckebühne nennt sich der Theaterverein. Nicht zuletzt durch die Schauspielerei wurde Vogel eine Person, die man in ganz Karbach kennt. Immer wieder sprach man sie an: „Willst denn nicht du Bürgermeisterin werden? Du wärst dafür ideal!“
Bei der vorletzten Kommunalwahl, als sie noch nicht kandidierte, schrieben 47 Karbacher ihren Namen auf die Wahlliste. So reifte allmählich der Gedanke in ihr: Bürgermeisterin, das wär vielleicht tatsächlich was für mich!
Den Ausschlag für ihre Entscheidung, für die Rathausspitze zu kandidieren, gab letztlich eine veränderte Arbeitssituation. Ein italienischer Elektrogerätehersteller übernahm das Unternehmen, das ihr so lange Heimat gewesen war. Alles wurde nach und nach anders. Das Heimatgefühl wich. Melanie Vogel ging schließlich. Nach einem Abstecher in ein Sicherheitsunternehmen fiel die Entscheidung, als Greenhorn in die Kommunalpolitik einzusteigen.
„Völlig blind bin ich aber nicht in dieses Unterfangen hineingegangen“, sagt die Mutter einer 21-jährigen Tochter und eines 22-Jährigen Sohnes. Ralf Freund, damals wie heute Zweiter Bürgermeister, bereitete sie vor: „Final überzeugt hat mich dann Kerstin Deckenbrock, Bürgermeisterin von Triefenstein.“ Über eine Bekannte kam Vogel mit ihr in Kontakt. Zwei Stunden telefonierten die beiden Frauen miteinander. Dabei fielen Sätze, die Vogel bis heute verinnerlicht hat: „Sie sagte zu mir: ‚Sei in kleinen Dingen groß!‘“
Dreitägiges Seminar durchlaufen
Ende April, noch vor ihrem Amtsantritt, durchlief Vogel schließlich ein dreitägiges Seminar des Bayerischen Gemeindetags. Da ging es um Rechtliches in allen Bereichen der Kommunalpolitik. Drei Tage lang wimmelte es nur so vor Vorschriften und Paragrafen. Etwa, was den Bauhof betrifft. Oder den Kindergarten. Oder den Naturschutz. „Nach den drei Tagen hat mir echt der Kopf geschwirrt“, sagt die Bürgermeisterin lachend.
Überhaupt, der Kopf – der ist häufig randvoll gefüllt mit neuen, ganz schön komplizierten Sachen. „Komme ich abends nach Hause, lege ich mich ins Bett und schlaf sofort ein und durch. Denn mein Gehirn will einfach nur noch schlafen“, sagt Vogel. Am nächsten Tag geht es weiter.
Sie möchte alles verstehen, sagt Vogel, will im Detail wissen, wie eine Bauplanung funktioniert oder was ihre Mitarbeiterinnen im Kindergarten alles leisten müssen. Stundenlang ist sie damit beschäftigt, sich einzulesen oder mit Experten zu sprechen. Es gibt permanent Neues zu lernen.
Auch wenn Vogel grob wusste, was auf sie zukommen würde: Keine Ahnung hatte sie, wie schwierig es ist, Kommunalpolitik unter den schlechten finanziellen Gegebenheiten zu leisten. „Unser Haushalt ist katastrophal“, sagt sie. Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Nötig wären Finanzmittel vor allem für die Sanierung der Kanalisation. Es gab in Karbach schon Rohrbrüche. Nun wird im zwölfköpfigen Gemeinderat unendlich jongliert, um einen genehmigungsfähigen Haushalt hinzubekommen.
Erstaunt war Melanie Vogel, als sie erfuhr: 2025 wurde der Haushalt des laufenden Jahres erst im November genehmigt. So etwas kennt sie aus der Wirtschaft nicht.
Die Wirtschaft und das Kommunale trennen Welten
Überhaupt trennen Vogel zufolge die Wirtschaft und das Kommunale Welten, auch wenn sie findet, dass eine Gemeindeverwaltung im Grunde wie ein Unternehmen funktioniert. Allerdings ist es hier mit der unternehmerischen Freiheit nicht ganz so gut bestellt. „Hatte ich früher eine Idee, bin ich damit zum Chef und habe Argumente vorgebracht, warum es gut wäre, sie umzusetzen“, erzählt sie. Nun gibt es Tausend Dinge, die bei der Umsetzung einer neuen Idee zu beachten sind. Höheren Ortes wird etwa entschieden, was zu den Pflichtaufgaben zählt. Und was freiwillige Leistung sein muss.
Auch Geld zu generieren ist schwieriger als in einem Unternehmen, wo man versuchen kann, mit innovativen Produkten neue Käufer zu gewinnen. Das schwierige rechtliche Geflecht, das der Kommunalpolitik übergestülpt ist, wird durchwoben von einem mindestens so komplexen Geflecht aus zwischenmenschlichen Beziehungen.
Es gibt etwa Bürger, die sich in der Vergangenheit gewisse Privilegien herausgehandelt hatten. Der eine muss möglicherweise etwas weniger für die Turnhalle bezahlen als der andere. Für Melanie Vogel geht das nicht. Gerechtigkeit und Transparenz sind sehr hohe Werte für die gelernte Betriebswirtin und Fremdsprachenkorrespondentin.
Gerechtigkeit ist ihr besonders wichtig
Niemand soll privilegiert werden. Und das setzt sie bisher auch durch. Auf die Gefahr hin, böses Blut zu schaffen. Aber daran, auch Menschen zu verärgern, gehe letztlich sowieso kein Weg vorbei. Weil die Finanzlage derart prekär ist, müssen zum Beispiel die Abwassergebühren drastisch erhöht werden. Das sorgt für Unmut – auch, weil zuletzt bereits die Gebühren für das Fernwasser angehoben worden waren.
Hinterzimmerentscheidungen will sie unterbinden. Alles soll so transparent wie möglich sein. Seitdem sie Bürgermeisterin ist, geht die in Würzburg aufgewachsene Kommunalpolitikerin mit anderen Augen durch jene Gemeinde, die vor 24 Jahren ihre Heimat wurde. „Sehe ich, dass irgendwo ein Stein heraussteht, möchte ich sofort den Bauhof anrufen“, lacht sie.
Überhaupt hat vieles in Karbach für sie eine neue Bedeutung gewonnen. Vielen Bürgern ist nun mal kaum bewusst, wie viel Arbeit dahintersteckt, damit das Gemeindeleben funktioniert. Plötzlich in Amt und Würden zu sein, verändert überhaupt manches: „Einige Menschen beginnen, mich wieder zu siezen.“ Das braucht sie nicht.
Mit jedem respektvoll umgehen
Klar ist aus ihrer Sicht: Jeder soll mit jedem respektvoll umgehen. Ein respektvoller Umgang ist der Bürgermeisterin nicht zuletzt ihren Mitarbeitern gegenüber wichtig. 47 sind es an der Zahl. „Ich nehme alle an die lange Leine“, sagt sie. Jeder soll das, was er kann, ausleben dürfen. Jeder soll in dem Bereich, für den er zuständig ist, selbstverantwortlich Entscheidungen treffen: „Ich will allerdings auf dem Laufenden gehalten werden.“
Respektvoll soll der Umgang vor allem im Gemeinderat sein. Das allerdings ist in Karbach nicht schwierig. „Bei der letzten Kommunalwahl gab es eine Einheitsliste“, erläutert Vogel. Auf der standen nur Namen. Namen von Freien Wählern. Namen von CSUlern. Vogel zog für die Wählergemeinschaft FW/UB als Karbacher Bürgermeisterkandidatin ins Rennen.
An einem Strang ziehen
Im Gemeinderat ziehen alle an einem Strang. Gerade in einer Zeit, in der Kommunen hart bedrängt werden, ist dies ja auch sehr wichtig. Obwohl ihr Amt viel Zeit frisst, hat Vogel die Schauspielerei nicht aufgegeben: „Irgendeinen Ausgleich möchte ich haben.“ Der Scheckebühne bleibt sie darum treu. Die führt alle zwei Jahre – stets im November – ein Stück auf.
In diesem Herbst wird die Komödie Funny Flamingo zu sehen sein. Sie spielt in einem Hotel. Ein Mitglied der Truppe hat das Stück selbst geschrieben. Die Rollen sind den einzelnen Akteuren auf den Leib geschneidert. Diesem Konzept zufolge hätte Melanie Vogel eigentlich in die Rolle der Hotelmanagerin schlüpfen müssen. „Letztes Jahr habe ich auch noch die Hauptrolle gehabt, aber diesmal bat ich darum, dass ich etwas Kleines übernehmen kann“, erzählt sie.
So wird es jetzt auch sein. Vogel übernimmt die Rolle einer Hoteltesterin. Diese kleine Rolle wird sie genauso ernst nehmen, als hätte sie die Hauptrolle. Getreu ihrem Motto: Man soll groß in kleinen Dingen sein.
(Pat Christ)
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