Das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert. Aber den Start als frisch gewählte Landrätin des Kreises Landsberg am Lech hat sich Daniela Groß bestimmt anders vorgestellt. Noch bevor sie Anfang Mai ihr neues Amt übernehmen konnte, war die 37-Jährige schon als Krisenmanagerin gefordert. In diese Zeit platzte nämlich die Mitteilung der Regierung von Oberbayern, dass der Kreishaushalt in der vorliegenden Form nicht genehmigungsfähig sei. Also trommelte Groß die wichtigsten Player des künftigen Kreistags in einer überparteilichen Runde zusammen, um Wege aus dem Dilemma zu finden – am Ende mit Erfolg.
Mit Familie im Festzelt
Groß wurde also schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Denn nach der Kommunalwahl im März hatte sich um sie ein kleiner Hype gebildet. Sie hatte in der Stichwahl nicht nur den CSU-Amtsinhaber Thomas Eichinger mit 61,5 Prozent der Stimmen aus dem Sattel gehoben, sondern war damit auch Bayerns erste grüne Landrätin geworden – zuvor hatten im Freistaat nur zwei Männer den Sprung in ein solches Amt für die Ökopartei geschafft.
Das sorgte – unabhängig vom überraschenden Wahlsieg des grünen OB-Kandidaten Dominik Krause in München – für überregionale Schlagzeilen und zahlreiche Interviewanfragen. Eine junge grüne Frau mit zwei kleinen Kindern als Landrätin in einem bislang CSU-dominierten Landkreis: Das machte über das westliche Oberbayern hinaus neugierig.
Bei der Bewältigung der Haushaltskrise kam Groß ihr beruflicher Werdegang als Kommunalbeamtin zugute. Eigentlich wollte sie nach dem Abschluss der Fachoberschule Polizistin werden, doch eine Sehschwäche machte ihr damals einen Strich durch die Rechnung. Mit dem Ablehnungsbescheid für den Polizeidienst erhielt sie Informationsmaterial über alternative Karrierewege im öffentlichen Dienst. Sie entschied sich für die innere Verwaltung. Nach dem Studium an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Hof durchlief Groß mehrere Stationen, unter anderem beim Landratsamt München, bei der Stadt Landsberg und als Sachbearbeiterin am Landesamt für Verfassungsschutz.
Ihre Berufswahl habe sie nie bereut, sagt Groß. „Es war für mich der richtige Job.“ Zu den Grünen stieß sie erst 2019, als sie beschlossen hatte, im Jahr darauf in Landsberg für den Stadtrat und den Kreistag zu kandidieren. Die Grünen seien „die Partei gewesen, mit der ich mich am meisten identifizieren kann und die die Werte vertritt, für die ich einstehen kann“. Sie nennt den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Den letzten Anstoß, sich in einer Partei zu engagieren, habe jedoch etwas anderes gegeben. Es habe sie frustriert, dass immer mehr Politiker vom Schlage eines Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Donald Trump oder Jair Bolsonaro das Sagen bekommen hätten. „Alles ältere Männer, die der Welt nichts Gutes gebracht haben“, sagt Groß. Ihr sei damals bewusst gewesen, dass sie als Stadträtin auf die großen Weltläufe keinen Einfluss habe, aber sie habe mit ihren Möglichkeiten einen Kontrapunkt setzen wollen.
Die Sache mit der Landratskandidatur sei 2025 allerdings gar nicht von ihr ausgegangen, berichtet Groß. Als sie von einem Parteifreund darauf angesprochen worden sei, habe sie zunächst Zweifel gehabt – wegen ihres Alters, wegen ihrer kleinen Kinder, „was man sich halt so denkt“. Nachdem jedoch eine dritte Person das Thema an sie herangetragen habe, habe sie nach Rücksprache mit der Familie zugesagt. Allerdings unter der Bedingung, dass sie es ernsthaft und professionell angehen werde. „Nur dass halt jemand für die Grünen kandidiert, das wollte ich nicht.“ Ihr Ziel sei gewesen, die Wahl auch zu gewinnen, betont Groß.
Ihren Wahlkampf führte sie bewusst nicht parteipolitisch, sondern sachorientiert. Ihre Wahlplakate waren auch nicht grün, sondern blau unterlegt – ihre Lieblingsfarbe. Sie setzte ebenso bewusst auf ihre Heimatverbundenheit, obwohl das bei den Grünen lange Zeit eher verpönt war.
Sie machte keine großen Versprechen
Und sie machte keine großen Versprechen. Im Grunde sagte Groß nur drei Dinge zu: den Kreishaushalt zu konsolidieren, Prioritäten zu setzen und Schritt für Schritt das umzusetzen, was finanziell verantwortbar sei. „Ich komme ja aus der Verwaltung und wusste, dass es nicht funktioniert, wenn man irgendwelche Luftschlösser verspricht“, nennt Groß ihre Beweggründe. Dass sie damit erfolgreich war, führt sie darauf zurück, dass sie – wie sie immer wieder höre – authentisch aufgetreten, ehrlich mit den Menschen umgegangen und wirklich in jedem Dorf gewesen sei.
Diesen offenen und zugewandten Stil versucht Groß nun auch als Landrätin weiterzuverfolgen. Sie will das „Lagerdenken“ im Kreistag überwinden, was aus ihrer Sicht der „Schlüssel zum Erfolg“ auf kommunaler Ebene sei. Ihre Stellvertreter sind von der CSU und der SPD, außerdem lade sie vor jeder Kreistagssitzung zu einer Fraktionsleiterrunde ein, um für Transparenz zu sorgen und möglichst alle mitzunehmen.
Im Herbst will Groß eine Haushaltsklausur des Kreistags abhalten, damit auch die vielen neuen Ratsmitglieder sich ein Bild von der Lage und den daraus resultierenden Handlungsmöglichkeiten machen können. Am Ende des Gesprächs fällt Groß noch ein, dass sie im Wahlkampf doch ein konkretes Versprechen abgegeben habe: Bis 2030 soll es in Landsberg ein Frauenhaus geben. Schon vor einigen Jahren hat sie mit mehreren Mitstreitern – parteiübergreifend – einen „Initiativkreis Frauenhaus“ gegründet, weil Gewalt gegen Frauen leider auch im Landkreis Landsberg ein Thema sei. Als Landrätin sieht sie sich hier in besonderer Verantwortung.
Ihre wenige freie Zeit verbringt Groß am liebsten mit ihren Kindern. Um die Familienzeit auszudehnen, nimmt sie diese manchmal auch zu dienstlichen Terminen mit. Festzeltbesuche böten sich dafür an oder eher unpolitische Veranstaltungen. Kürzlich war sie mit den beiden offiziell bei einem Badeentenrennen. Groß hält solche Auftritte auch im Sinne der Bürgernähe für wichtig. Da könne jeder sehen, dass eben auch ein Landrat oder eine Landrätin Familie habe. (Jürgen Umlauft)
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