Kommunales

Der frühere Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann gab seinen Titel „Ehrendomherr am Würzburger Dom“ zurück. (Foto: dpa/N. Armer)

04.04.2026

Ehrenbürgerschaften: Ehre, wem Ehre gebührt?

Nicht immer sind die auf kommunaler Ebene Gewürdigten tatsächlich Vorbilder – dann können Auszeichnungen entzogen werden

Das Verlangen nach Anerkennung gilt als eine der Haupttriebfedern des Menschen: Wie beglückend ist es doch, öffentlich ausgezeichnet zu werden für das, was man geleistet hat! Kommunen kommen diesem Bedürfnis nach, indem sie regelmäßig Bürger ehren – bis hin zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Es werden aber immer wieder Ehrungen aberkannt, weil sich herausstellt, dass ein Geehrter doch nicht ganz so ehrenhaft war. Die Entscheidung, jemanden zu ehren, ist also durchaus heikel.

Ehrenbürgerschaft für Adolf Hitler

In Würzburg sorgte Anfang März eine Videobotschaft des ehemaligen Bischofs Friedhelm Hofmann für Aufsehen. Der schwer an Parkinson erkrankte 83-Jährige gab kund, dass er seinen Titel „Ehrendomherr am Würzburger Dom“ freiwillig zurückgeben wolle. Im Vorfeld war bekannt geworden, dass ein inzwischen verstorbener Pfarrer aus der Würzburger Diözese, dem in einem Gutachten Missbrauch vorgeworfen wird, jahrelang vom Bistum gedeckt worden war. Seit 2010 hatte man offenbar von den Vorwürfen gewusst. Der Pfarrer wurde dennoch nicht suspendiert. Er hatte weiterhin Kontakt zu Jugendlichen. Er erkenne an, sagte Friedhelm Hofmann, dass sein Handeln 2010 falsch gewesen sei.

In gewisser Weise sind Ehrungen eine Art Glücksspiel. Man kann nicht wissen, ob jemand, dem gehuldigt wird, nicht vielleicht doch die eine oder andere Leiche im Keller hat. So erhielt 2016 in Würzburg ein Therapeut bei einem feierlichen Akt einen mit 1500 Euro dotierten Förderpreis. Wenige Jahre später wurde bekannt, dass der Mann Dutzende Kinder schwer missbraucht hatte. Auch wenn es auf den ersten Blick außerordentlich erscheint, was ein Mensch geleistet hat, gilt es dennoch, bei Ehrungen wachsam zu sein.

„Bei uns sind die Hürden auch ziemlich hoch“, sagt Mailin Seidel, Sprecherin der Stadt Aschaffenburg. Die letzte „normale“ Aschaffenburger Bürgerin, die eine Ehrenbürgerwürde erhalten hatte, war 1991 Marielies Schleicher. Auch in Weiden wird die Ehrenbürgerwürde vergleichsweise selten verliehen. „Zuletzt vor mehr als zehn Jahren an die damalige Oberbürgermeisterin unserer Partnerstadt Annaberg-Buchholz, Barbara Klepsch“, so Sprecherin Christina Liedl. Seit 1878 wurden nur rund 35 Ehrenbürgerwürden verliehen.

Historische Fehlgriffe und Korrekturen

Auch Aschaffenburg ist keineswegs übersät mit Ehrenbürgern. In den 1960er-Jahren erhielt keine einzige Person diesen Titel. Allerdings finden sich, wie in Weiden, auf der Liste der Ehrenbürger nicht alle jemals Ausgezeichneten. Zwischen 1933 und 1945 wurde in Aschaffenburg, wie in vielen anderen Städten, die Ehrenbürgerschaft an Adolf Hitler, Paul von Hindenburg und andere Nazis wie Franz Ritter von Epp, Otto Hellmuth und Ludwig Siebert verliehen.

Obwohl die Ehrenbürgerwürde formal mit dem Tod erlischt, entschied sich der Stadtrat 1981 für eine symbolische Geste, so Mailin Seidel: „Mit einer förmlichen Erklärung wurde den Ehrenbürgern ihre verliehene Würde offiziell aberkannt.“ Dass besonders in der NS-Zeit die Falschen geehrt wurden, sieht man auch am Beispiel der Stadt Augsburg. Neben Adolf Hitler wurde hier auch Franz Xaver Schwarz zum Ehrenbürger ernannt. Letzterer war als Reichsschatzmeister der NSDAP und SS-Oberst-Gruppenführer einer der wichtigsten Parteifunktionäre. In den Jahren 1946 und 1947 wurde allen NS-Schergen auf Beschluss des Augsburger Stadtrats die Ehrenbürgerwürde wieder aberkannt.

Die Stadt Weiden hatte Adolf Hitler und Paul Hindenburg ebenfalls zu Ehrenbürgern ernannt – der Status wurde beiden in der Nachkriegszeit jedoch per Stadtratsbeschluss wieder aberkannt. Noch bevor die Schwelle zum Dritten Reich überschritten worden war, nämlich am 26. Februar 1932, hatte Coburg als erste deutsche Stadt Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht zuerkannt. Kurz darauf schloss sich Neustadt an der Aisch an.

Auch Aichach entschied sich früh zu diesem Akt: Am 5. April 1933 wurde Hitler Ehrenbürger. Das unterfränkische Bad Kissingen war sogar noch schneller. Am 17. März 1933 wurde Hitler die Ehrenbürgerwürde verliehen. In den Märztagen darauf folgten unter anderem Bayreuth, Berchtesgaden, Mindelheim, Kaufbeuren, Kolbermoor, Hof und Laufen. München war relativ spät dran. Hier wurde Hitler erst 1939 Ehrenbürger.

Beispiele gelungener Ehrungen

Auch wenn es letztlich unabsehbar ist, ob jemand, der Ehrenbürger werden soll, sich sein Leben lang ehrenhaft verhalten wird, steht Augsburgs ehemaliger Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU), seit zwei Jahren Ehrenbürger, voll und ganz hinter dieser Auszeichnung. Während seiner aktiven OB-Zeit hatte er selbst drei Verfahren zur Anerkennung von Ehrenbürgerwürden begleitet. 2015 wurde der 2022 verstorbene Henry Georg Brandt, von 2004 bis 2019 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, geehrt. Unter anderem, so Kurt Gribl, für seine Verdienste als Brückenbauer zwischen den Augsburger Konfessionen.

Im oberbayerischen Hebertshausen erhielt 2019 posthum Hans Köchl die Ehrenbürgerwürde, da er in der NS-Zeit unter Lebensgefahr KZ-Häftlingen half: Er schmuggelte für sie Pakete, Briefe und Lebensmittel. Zum Zeitpunkt seiner Würdigung war er schon lange tot. Hans Köchl starb 1972. Gewürdigt wurde er auch damit, dass die Gemeinde Hebertshausen ihr Dorfgemeinschaftshaus nach ihm benannte. Auf diesen Ehrenbürger ist, wie auf die meisten anderen nach 1945, bis heute kein Schatten gefallen.

Zwischen Anerkennung und Verantwortung

Auch für Roland Reusing (SPD) gilt es, sehr sorgfältig zu überlegen, wer gewürdigt werden soll. Der 85-Jährige ist seit knapp sechs Jahren Ehrenbürger von Mömbris (Kreis Aschaffenburg). Der Markt hat nach seinen Informationen bislang nur zwei Menschen zu Ehrenbürgern gemacht: Ihn sowie, im Jahr 2001, den ehemaligen Würzburger Weihbischof Helmut Bauer. Roland Reusing wurde dafür ausgezeichnet, dass er 48 Jahre lang als Gemeinderat hart gerackert hatte. Die Antwort des Sozialdemokraten auf die Frage, ob er die Ehrenbürgerwürde annehmen wolle, war eindeutig: „Ja!“

Dabei weiß Reusing natürlich genau, welche fragwürdigen Personen die Auszeichnung in Bayern schon erhalten haben. Denn Reusing interessiert sich nicht nur für Geschichte. Er erlebte Geschichte hautnah mit. Und zwar bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt. Dort hatte er es im Vorfeld mit den Auschwitz-Prozessen zu tun: „Ich überwachte zwei Jahre lang die Besuchsstunden der Untersuchungshäftlinge.“ Dabei lernte er Hans Stark kennen. Der Funktionär war Leiter der Aufnahmeabteilung in Auschwitz. Daneben kam er mit SS-Apotheker Victor Capesius in Kontakt.

Abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, dass Massenmörder wie Hitler die Ehrenbürgerwürde erhielten, werden laut Roland Reusing auch sonst nicht immer nur Personen ausgezeichnet, die große menschliche Qualitäten haben. Manchmal genügt auch ein großes Scheckbuch: Bürger, die sich in ihrer Kommune als besonders spendabel zeigen, werden ebenfalls öfter zu Ehrenbürgern gemacht. Wobei sie ihr Geld natürlich auch anders hätten ausgeben können. Von daher findet Augsburgs ehemaliger OB Kurt Gribl es okay, Mäzene auszuzeichnen.

Gemeinsam ist dem Gros der „guten“ Ehrenbürger, dass sie sehr viel Lebenskraft in das investiert hatten, was am Ende als auszeichnungswürdig angesehen wurde. Auch ein Oberbürgermeisteramt kostet laut Kurt Gribl viel Kraft. Von daher habe er sich selbst gefreut, als ihm die Ehrenbürgerwürde vor zwei Jahren verliehen worden war. Zumal sein Abschied aus dem Rathaus 2022 mitten in die Corona-Zeit fiel. An eine pompöse Feier war nicht zu denken. Mit weitem Abstand zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, erinnert er sich gut, habe er sich mit den Worten verabschiedet: „Es ist mir eine Ehre gewesen!“ (Pat Christ)

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