Als Simon Escher-Herzog den Brief aus seinem Briefkasten zog, war ihm natürlich klar, dass es sich hier nicht um die Telefonrechnung oder ein Werbeschreiben für eine Zahnzusatzversicherung handelte. Das DIN-A4-Blatt hatte kein Kuvert, war zusammengeknüllt und verdreckt. Ein Zeichen für eine besonders hohe Emotionalität des Absenders, befanden die Polizeibeamten vor Ort später, als ihnen Simon Escher den Zettel zeigte.
In Großbuchstaben wurde der Kommunalpolitiker der Linken in dem Brief beschimpft, beleidigt und mit dem Tod bedroht. „Deine ‚Vielvalt‘ kannst du dir in den Arsch schieben bevor wir dich aufschlitzen“, hieß es darin in eigenwilliger Rechtschreibung. Oder auch: „Zieh dich zurück oder du landest im Sarg.“
Auf Wolke Reichinnek
Er habe das erst gar nicht so recht ernst genommen, erzählt Escher-Herzog, der bei den bayerischen Kommunalwahlen am kommenden Sonntag für den Posten des Landrats im Landkreis Neustadt an der Waldnaab antritt. Der Landkreis liegt in der hintersten Oberpfalz, direkt an der tschechischen Grenze. Nach Prag sind es weniger Kilometer als nach München. Die Region gehört zu den konservativsten Flecken des Freistaats – und zu den wirtschaftlich am meisten abgehängten.
Der 37-Jährige erstattete Anzeige. Doch es blieb nicht bei dem Brief. Zwei Tage später wurden in einer Straße in Neustadt alle Plakate mit seinem Konterfei abgerissen und zerfetzt. Ein Plakat, erzählt Escher-Herzog, sei so auf sein Grundstück gestellt worden, dass er es beim Verlassen des Hauses sofort bemerken musste. „Auf das Gesicht war mit einem Schraubenzieher oder ähnlichem heftig eingestochen worden.“
Und schließlich flog eines Nachts ein Pflasterstein ins Schlafzimmer des Linken. Er hatte Glück: In dieser Nacht schlief er nebenan im Wohnzimmer. Die Kripo nahm Ermittlungen auf, die Polizei fährt nun verstärkt Streife vor Escher-Herzogs Haus. Von dem oder den Tätern fehlt bislang jede Spur.
Er könne sich nicht erklären, wie jemand offenbar einen solchen Hass auf ihn entwickelt habe. „Das muss daran liegen, dass ich das Gesicht der Linken im Landkreis bin“, meint Escher-Herzog. Und Parteichef Jan van Aken schimpft: „Das ist rechter Terror mit dem Ziel, politische Gegner mundtot zu machen.“
Politisch, das kann man durchaus behaupten, ist der Heilerziehungspfleger für niemanden vor Ort eine Bedrohung. Dass Escher-Herzog Landrat in Neustadt an der Waldnaab wird, ist ungefähr so wahrscheinlich, als ob im nächsten Konklave ein Protestant zum Papst gewählt wird.
Mitgliederzahl verdreifacht
Aber allein, dass es einen linken Landratskandidaten gibt, dass hier mittlerweile ein Kreisverband mit 130 Mitgliedern aktiv ist, das ist freilich neu in der Gegend. Linke, die kannte man bis dato allenfalls aus der Tagesschau, nicht aus der Lokalzeitung. Die Linke, so die gängige Meinung, gehört zu Bayern wie der Zucker auf die Brezn. Doch das hat sich geändert. Jetzt läuft es auch im Freistaat gerade richtig gut für die Partei, die früher mehr so in einer Liga mit Bayernpartei und ÖDP spielte. Seit einem Jahr schwebt man auch im Süden der Republik auf Wolke Reichinnek.
Die Linke in Bayern habe ihre Mitgliederzahl im Lauf von einem Jahr verdreifacht, berichtet Landessprecher Martin Bauhof stolz. Auch Escher-Herzog beispielsweise ist erst vor einem Jahr eingetreten. Bei deutlich über 9000 Mitgliedern sei man mittlerweile angelangt, so Bauhof. Damit wächst der Landesverband sogar noch schneller als die Bundespartei.
Die neuen Mitglieder machen die Partei zudem jünger und weiblicher. Über die Hälfte der Neueintritte seien Frauen, sagt Bauhof, fast zwei Drittel unter 30. Der Zuwachs verteile sich gleichmäßig über ganz Bayern, so der Sprecher. Entsprechend trete man nun bei den Kommunalwahlen zum ersten Mal „fast flächendeckend“ an – mit eigenen Listen in 65 von 71 Landkreisen, in allen kreisfreien Städten und über 100 weiteren Kommunen. Auch bei Oberbürgermeister-, Bürgermeister- und Landratswahlen tritt die Partei an. Über 4000 Kandidaten hat die Partei aufgeboten, die Listen für kommunale Gremien wurden im Vergleich zu 2020 verdoppelt. Der 43-jährige Bauhof selbst tritt als Landratskandidat im Kreis Rosenheim an.
Auch in der Wählergunst stehen die Linken für bayerische Verhältnisse gut da. Während die Partei noch bei der Landtagswahl im Herbst 2023 nur auf 1,5 Prozent der Stimmen kam, waren es bei der Bundestagswahl auch in Bayern über 5 Prozent. Für die Kommunalwahlen gibt es zwar keine Umfragen mit der klassischen Sonntagsfrage, aber im „Bayerntrend“ des BR gaben immerhin 3 Prozent der Befragten auf die Frage, welcher Partei sie am ehesten die Lösung der Probleme vor Ort zutrauten, die Linke an.
Ein weiteres interessantes Ergebnis der BR-Umfrage, von dem man annehmen müsste, dass es der Linken in die Hände spielt: Bei keinem anderen Thema sind die Menschen annähernd so unzufrieden wie bei „bezahlbarem Wohnraum und Mieten“. Und genau das ist das Thema, mit dem die Linke ihren Wahlkampf fast ausschließlich bestreitet. 300 000 Wohnungen stehen in Bayern leer, auf der anderen Seite sind die Mieten und Grundstückspreise exorbitant. In München und anderen Großstädten zu leben, können sich Normalverdiener oft nicht mehr leisten, es sei denn, sie haben einen alten Mietvertrag oder geerbtes Wohneigentum.
Aber der Missstand beschränkt sich längst nicht mehr auf die Ballungsräume. Rosenheim etwa, erzählt Parteisprecher Bauhof, gehöre zu den fünf deutschen Städten mit dem höchsten Anstieg der Mieten. Das wiederum wirke sich dann unmittelbar auf das Umland aus.
Ins Gesicht geschlagen
In diesem Umfeld wirkt es dann nicht mehr ganz so exotisch, wenn einer auch mal für die Linken kandidiert. Als er 2023 für den Landtag kandidiert habe, hätten die Menschen noch mit viel größerem Befremden reagiert, wenn er irgendwo ein Plakat aufgehängt habe. Linke? Hier? Inzwischen sei das anders. „Ich fühle mich nicht mehr wie ein Ufo. Man wird beäugt, aber gehört dazu.“ In Bruckmühl, der 17 000-Einwohner-Gemeinde, in der Bauhof wohnt, sei er vor drei Jahren noch der einzige Linke gewesen. Jetzt gibt es dort schon einen eigenen Ortsverband – mit zehn Mitgliedern.
Klingt alles sehr nach Aufbruch. Und doch: Die Linke bekommt massive Attacken zu spüren. „Wir erleben Übergriffe und Anfeindungen in diesem Wahlkampf wie noch nie zuvor“, klagt Bauhof. So wurde der Bürgermeisterkandidat im mittelfränkischen Zirndorf, Robin Greser, von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen, während er mit zwei Genossen im Auto saß. Dem Angreifer, der außerdem einen Seitenspiegel abtrat, gelang es, unerkannt zu entkommen. Ein Kandidat in Aschaffenburg fand ebenfalls zerstörte Plakate in seinem Vorgarten.
In München wurde ein Lastenrad der Partei gestohlen und nach einiger Zeit in einer Sammelgarage wiedergefunden – beschmiert mit Nazi-Parolen und einem Hakenkreuz. In Dinkelsbühl gab es eine rechte Hasskampagne gegen einen queeren Stadtratskandidaten, die unter anderem mit KI-generierten Fake-Videos viral ging. Wenn dann in gesamten Ortschaften wie beispielsweise Geiselhöring auf einen Schlag sämtliche Plakate der Linken verschwinden, fällt das schon gar nicht mehr weiter auf.
Hinter vielen der Attacken dürften Rechtsextreme stecken. Die Linke sieht sich auch als Bollwerk gegen die in Umfragen im Höhenflug befindliche AfD und den im Freistaat zunehmenden Rechtsextremismus. In Niederbayern, wo die AfD bei Wahlen zuletzt immer Rekordergebnisse einfuhr, stellt sich derweil zunehmend die Frage, ob die Unvereinbarkeitsliste der AfD mehr als ein Feigenblatt ist. So kandidiert in Straubing, wo jüngst jemand mit einem Edding ein Hakenkreuz auf die Tür des Linken-Büros geschmiert hat, Jakub Jarczok für den Stadtrat, der sich zur Identitären Bewegung bekennt. Die Empörung darüber war so groß, dass sich die Oberbürgermeister-Kandidaten von CSU, Grünen, Freien Wählern, Linken, ÖDP und SPD zu einem seltenen gemeinsamen Aufruf zusammenfanden. „Sogar die AfD hat eine Zusammenarbeit mit dieser vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Bewegung ausgeschlossen“, schrieben sie.
Keine 20 Kilometer weiter, in Geiselhöring, kandidiert Siegfried Birl, eine Größe in der Neonazi-Szene. Er ist zwar kein AfD-Mitglied, steht aber auf einer gemeinsamen Liste von AfD und der Gruppierung „Friedliches Geiselhöring“ zur Wahl.
Die Linke Tanja Schmidt versteht die Welt nicht mehr. Das Treiben der Rechten in Niederbayern werde von vielen Bürgerinnen und Bürgern längst als normal betrachtet, berichtet die stellvertretende Vorsitzende des Ortsverbands Straubing. Sie selbst, sagt Schmidt, begreife den Wahlkampf mittlerweile persönlich nicht mehr als Werbung für die Linken, sondern als Arbeit zur Aufklärung gegen Rechtsextremismus. (Dominik Baur)
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