Alte Kleidung ist kein Abfall. Sie soll wiederverwertet werden. Deshalb ist das getrennte Sammeln von alten Pullovern und Jacken seit Anfang 2025 Pflicht. In Bayern geschieht dies laut Umweltministerium an 8000 Standorten. 53 000 Tonnen Alttextilien aus privaten Haushalten kamen 2024 zusammen. Für das Sammeln und Recyceln kann inzwischen allerdings kein adäquater Preis mehr erzielt werden. Inzwischen zeichne sich eine bedenkliche Tendenz ab: Die gesamte Infrastruktur könnte zusammenbrechen.
Es fehlen die Abnehmer für Secondhandware
Viele Probleme beuteln die Branche gerade. Probleme, denen nicht so leicht abzuhelfen ist. Ein Hauptproblem nennt sich „Ultra-Fast-Fashion“. Laut Stephanie von Oetinger vom Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie kommt immer mehr dieser Billigstmode auf den Markt. Kein Secondhandhändler will die haben.
Ultra-Fast-Fashion lässt gleichzeitig etablierte Absatzmärkte für gebrauchte Kleidung einbrechen. Die Secondhandbranche fand bislang Abnehmer auf der ganzen Welt. Nach Osteuropa floss einiges, aber auch in den Mittleren Osten und nach Mittelasien. Ein wichtiger Abnehmerkontinent war Afrika. Doch dies ist längst nicht mehr so. „Auf internationalen Secondhand-märkten, zum Beispiel in Teilen Afrikas, steht Gebrauchtkleidung zunehmend im Wettbewerb mit sehr preisgünstiger Ultra-Fast-Fashion aus Asien“, sagt von Oetinger.
Ein zweites Problem besteht darin, das Sammelstellen zum Müllabladen missbraucht werden. Wodurch nicht unerhebliche Kosten für Reinigung und Entsorgung anfallen. Wer übernimmt sie? „Gerade im Rahmen kommunaler Ausschreibungen stellt sich immer wieder die Frage, welche Pflichten den Sammlern übertragen werden und wer die daraus entstehenden zusätzlichen Kosten trägt“, erläutert von Oetinger.
Klar ist: Die konkreten Rahmenbedingungen des Sammelns haben nach ihren Worten unmittelbaren Einfluss darauf, ob ein Geschäftsmodell wirtschaftlich tragfähig bleibt oder ob ein gewerblicher Sammler ökonomisch ins Trudeln gerät. Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum das Sammeln und Sortieren von alten Textilien immer weniger Gewinn abwirft, landet man drittens bei gestiegenen Kosten für Personal, Logistik, Energie und Verwertung. „Hinzu kommen geopolitische Entwicklungen wie der Krieg in der Ukraine“, erläutert eine Sprecherin der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie. Veränderte Handelsströme erschweren die Vermarktung.
Dass die Situation enorm schwierig ist, lässt sich laut Herbert Pachsteffl, Geschäftsführer des Abfallzweckverbands Stadt und Landkreis Hof (AVZ), nicht in Abrede stellen. Auch er muss um den Erhalt des Sammel- und Verwertungssystems in seinem Verbandsgebiet kämpfen. „Der von uns beauftragte Altkleiderverwerter beendet gerade eine Insolvenz in Eigenverwaltung“, erzählt der Abfallexperte.
Zum Glück kann er seine Tätigkeit fortsetzen. Allerdings unter schwierigen Bedingungen: „Die Verwertungserlöse haben sich seit 2024 fortlaufend reduziert, sodass der Abfallzweckverband mittlerweile für die Sammlung und Verwertung zuzahlen muss.“
Von seinem Verwerter bekommt auch Pachsteffl mit, dass die Absatzchance von Secondhandkleidung auf dem weltweiten Markt durch billigste Neuware aus China kontinuierlich sinkt. Hinzukommen Transport- sowie Devisenprobleme. Afrikanische Landesbanken können Rechnungsbeträge zum Teil nicht nach Deutschland transferieren. Weil alles so problematisch ist, hätten gemeinnützige Sammler wie das Kolpingwerk und das Rote Kreuz in Hof die Altkleidersammlung bereits eingestellt oder zumindest reduziert.
Viele gemeinnützige Sammler geben auf Zusammen mit dem Verwerter übernahm der AVZ einige Kolping-Container. In Hof hofft man, dass nicht noch mehr Sammler und Verwerter abspringen.
Gespeist wird die Hoffnung von einem neuen Textilgesetz. Das zielt auf eine Beteiligung von Textilproduzenten am Entsorgungssystem ab. Seit März liegt es als Eckpunktepapier vor. Die Bayerische Textil- und Bekleidungsindustrie macht allerdings auf eine Achillesferse des Gesetzes aufmerksam. Ob Anbieter aus Drittstaaten und dem Onlinehandel in die, erweiterte Herstellerverantwortung einbezogen werden, ist aktuell fraglich. Es dürfe jedoch nicht dazu kommen, dass nur deutsche und europäische Hersteller künftig die Kosten für Sammlung, Sortierung und Recycling mittragen.
Die Staatsregierung setzte sich für eine praxistaugliche und bürokratiearme Ausgestaltung der erweiterten Herstellerverantwortung ein, erklärt das Umweltministerium auf Anfrage. Kommunen würden überdies bei der Umsetzung der Getrenntsammelpflicht von Alttextilien unterstützt. Befürchtungen, dass die Infrastruktur rund um das Sammeln und Verwerten zusammenbrechen könnte, teilt das Ministerium nicht.
Der Bayerische Städtetag wiederum bestätigt, dass die Situation schwierig ist. Laut Sprecher Achim Sing wäre es wünschenswert, staatliche Anreize für die Herstellung langlebigerer, besser verwertbarer Textilien zu setzen, um Ultra-Fast-Fashion einzudämmen. Kommunen selbst könnten wenig gegen Billigimportware tun. Sie könnten auch keine Herstellerverantwortung für außereuropäische Erzeuger durchsetzen. Die Verantwortung liege beim Bund und der EU.
Für den Fachverband Textilrecycling im Bonner Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgungungeb ist die aktuelle Situation höchst problematisch. „Über viele Jahre trug sich die Sammlung dadurch, dass mit gut erhaltenen, wiederverwendbaren Textilien vernünftige Erlöse erzielt werden konnten“, so Referent Thomas Fischer.
Dadurch konnten sämtliche Kosten, also jene für die Sammlung und Entsorgung mitgesammelter Abfälle, für die Sortierung sowie die Behandlung schlechter Textilqualität, gedeckt werden: „Dieses Modell funktioniert immer weniger.“
Fischer bestätigt, dass Hof kein Einzelfall ist: Zum Teil werde für Originalsammelware überhaupt nichts mehr erlöst oder es komme sogar zu Negativpreisen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Personal, Transport, Energie und Entsorgung. „Aus unserer Sicht ist nicht nur von einer vorübergehenden Marktschwäche zu sprechen“, so Fischer. Das System sei an seine Grenze geraten. Auch aus Bayern wisse man, dass sich Unternehmen und Organisationen mancherorts bereits zurückgezogen haben.
Ein großes Problem: Strukturenlassen sich nicht nicht beliebig an- und abschalten. Wenn Containerstellplätze verschwinden, Touren eingestellt oder Sortierkapazitäten abgebaut werden, sei diese Infrastruktur erst einmal weg. Sie wieder aufzubauen, wird dauern und viel kosten.
Allerdings dürfen ausgediente Klamotten laut geltendem Recht deswegen nicht einfach achtlos weggeworfen werden. Aus Alt soll ja Neu werden. Es braucht also eine Sammelinfrastruktur.
Ein neues Gesetz soll für Abhilfe sorgen
Wobei zur Wahrheit dazugehört, das nur aus einem Bruchteil des Sammelguts wieder neue Pullover und Röcke werden. Laut der aktuellen bvse-Textilstudie, die sich auf das Jahr 2023 bezieht, werden 44 Prozent der Alttextilien wiederverwendet, 35 Prozent recycelt und 21 Prozent thermisch verwertet. „35 Prozent Recycling heißt allerdings nicht, dass 35 Prozent wieder zu neuer Kleidung werden“, so Fischer.
Zu einem erheblichen Teil entstünden daraus Putzlappen, Reißfasern, Vliese, Dämm- oder andere Faserprodukte. Nun ist es besser als nichts, tut die alte Jeans einen letzten Dienst als Putzlappen. Doch die politischen Ziele werden so nicht erfüllt.
„Für ein großskaliertes Textil-zu-Textil-Recycling reichen die Sortier- und Recyclingkapazitäten bislang aber eindeutig nicht aus“, betont Fischer. Rein technologisch gibt es nach seinen Worten allerdings interessante Entwicklungen. So können Textilien inzwischen materialgerecht zerfasert werden, um wiederverspinnbare Recyclingfasern zu erzeugen. Durch neue chemische Recyclingverfahren kann sogar Baumwolle zurückgewonnen werden. Die Branche sitzt also nicht nur da und wartet ab, bis das System erst mal zusammengebrochen ist.
Auch der Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie weiß von vielversprechenden Technologien zu berichten. „Dazu gehören automatisierte Sortierverfahren mittels Nahinfrarot-Technologie und KI“, erläutert Stephanie von Oetinger. Textilien werden so immer präziser nach ihrer Faserzusammensetzung sortiert. Das ermögliche ein hochwertiges Recycling. Noch befinden sich Technologien wie diese jedoch in der Weiterentwicklung – es bleibt also noch viel zu tun. (Pat Christ)
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