Kommunales

Das Uhrmacherhäusl wurde im Kern Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet. Das hinderte den Eigentümer jedoch nicht daran, das Gebäude vor achteinhalb Jahren illegal abzureißen. Wo einst ein Stück Stadtgeschichte stand, klafft nun eine riesige Lücke. (Foto: Patrik Stäbler)

21.02.2026

Uhrmacherhäusl: Wenn Profitgier Stadtgeschichte zerstört

In Bayern ignorieren manche Immobilieneigner immer wieder Gerichtsurteile – ist dies auch im Fall des Münchner Uhrmacherhäusls der Fall?

Der illegale Abriss des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls löste 2017 bayernweit Empörung aus. Seit 2021 steht nach einem Gerichtsurteil fest, dass der Eigentümer das Gebäude originalgetreu wieder aufbauen muss. Doch passiert ist bislang nichts – sehr zum Ärger der Anwohner.

Der Wellblechzaun vor dem Tatort ist inzwischen ramponiert, verbogen und löchrig. Mit bunter Farbe steht darauf der Schriftzug: „Häuser enteignen!“ Blickt man durch eine der Zaunlücken, bietet sich ein trostloses Bild: Auf einer überwucherten Brachfläche sieht man Müllsäcke, Metallschrott und eine ausrangierte Schubkarre – hier in der Oberen Grasstraße 1 in München, wo einst das denkmalgeschützte Uhrmacherhäusl stand, dessen illegaler Abriss im September 2017 in der ganzen Stadt und darüber hinaus Empörung auslöste.

Mehr als acht Jahre ist das inzwischen her. Oder in der Zählweise von Angelika Luible: 73 Mahnwachen. Denn so viele Kundgebungen hat das Bündnis „Heimat Giesing“ bislang vor dem Uhrmacherhäusl abgehalten. Damit das Unrecht, das hier geschehen ist, nicht in Vergessenheit gerät, betont die Sprecherin der Initiative. Doch nicht nur anlässlich der Mahnwachen, sondern auch in ihrem Alltag kommt Angelika Luible regelmäßig an dem Grundstück vorbei, das inmitten der Häuserreihe wie eine Zahnlücke wirkt. Und beim Blick durch den Zaun, sieht sie dort den voranschreitenden Verfall – aber keinerlei Fortschritt.

Dabei hat die Stadt den Wiederaufbau des Gebäudes, das Teil der denkmalgeschützten Feldmüllersiedlung ist, bereits 2018 angeordnet. Hiergegen klagte der Eigentümer und bekam zunächst aufgrund eines Formfehlers recht. Im Berufungsverfahren vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof obsiegte dann aber die Stadt, weshalb seit 2021 feststeht: Das frühere Handwerkerhaus muss wieder aufgebaut werden – „in äußerlich kubaturgleicher Form und gleichem Erscheinungsbild“, so das Rathaus. Allein geschehen ist dies bislang nicht, ja die Arbeiten haben noch nicht mal begonnen – und das mehr als viereinhalb Jahre nach dem Urteil.

73 Mahnwachen: Doch kein Bagger rückt an

Angelika Luible nennt das wahlweise „frustrierend“, „beschämend“ oder „ermüdend“. Wobei sie sogleich betont: „Wir werden das nicht vergessen.“ Zwar sei das Uhrmacherhäusl, dessen Abriss als Symbol für die in München voranschreitenden Gentrifizierung galt, inzwischen aus der öffentlichen Debatte weitgehend verschwunden, sagt Luible. „Aber wir werden es immer wieder in den Blick setzen.“ So wolle „Heimat Giesing“ demnächst ein weiteres Mal auf die Stadt zugehen, um neuerliche Gespräche über den Wiederaufbau anzustoßen. Schließlich sind Angelika Luible und ihre Mitstreiter überzeugt: „Der Eigentümer spielt nur auf Zeit.“

Tatsächlich hieß es anfangs aus dem Rathaus, der Wiederaufbau des Uhrmacherhäusls müsse bis April 2024 abgeschlossen sein. Doch dann stellte sich nach Angaben des städtischen Planungsreferats heraus, „dass das ursprüngliche Gebäude auch auf schmalen Streifen der benachbarten Grundstücke stand“. Und da die Anordnung einen Wiederaufbau in den alten Maßen vorsehe, müsse der Bauherr nun Verhandlungen mit den Nachbarn führen. Hierzu sei die Frist zum Wiederaufbau verlängert worden. Zugleich habe das Rathaus für das Versäumen des ursprünglichen Termins ein Zwangsgeld erhoben, teilte ein Sprecher des Referats damals mit. „Gleichzeitig wurde ein erneutes Zwangsgeld angedroht, das ebenfalls zur Zahlung fällig wird, sollte das Anwesen nicht bis Ende Februar 2026 wiedererrichtet worden sein.“

Fragt man heute im Planungsreferat nach, heißt es dort: „Als spätester Termin für den Baubeginn wurde vonseiten des Bauherrn der 1. April 2026 zugesichert, womit sich dieser selbst bindet.“ Und weiter: „Die Verhandlungen zwischen dem Bauherrn und den Eigentümern der benachbarten Grundstücke zur erneuten Überbauung der schmalen Streifen auf den angrenzenden Grundstücken dauern weiterhin an.“

OB Reiter hofft, dass der Eigentümer Wort hält

Bei Angelika Luible, die mit mehreren Nachbarn in Kontakt steht, klingt das etwas anders. Ihr zufolge ist der Eigentümer, der sich selbst offenbar nicht äußern will und auf Anfrage nicht reagiert, gar nicht an einer Einigung interessiert. Vielmehr komme er mit immer neuen Forderungen und Winkelzügen daher, was für die Nachbarn nicht nur zeitraubend, sondern auch kostspielig sei. „Die Anwaltskosten sind enorm“, betont die Sprecherin von Heimat Giesing. „Wir glauben, der Eigentümer setzt darauf, dass den Nachbarn irgendwann der Atem ausgeht.“

Derweil teilt Dieter Reiter (SPD) auf Anfrage mit: „Das Uhrmacherhäusl soll so wieder aufgebaut werden, wie es war.“ Der Oberbürgermeister hatte sich nach der illegalen Zerstörung des Gebäudes mehrfach öffentlich zu Wort gemeldet und gemahnt: „Profitgier kann man nicht mit der Abrissbirne durchsetzen.“ Heute räumt Reiter ein, dass der Weg bis zum Wiederaufbau „juristisch und technisch nicht ganz einfach“ sei. Umso wichtiger sei die Zusage des Eigentümers, dieses Jahr mit dem Bau zu beginnen.
„Ich hoffe sehr, dass dieser Termin eingehalten wird“, betont Dieter Reiter, „und setze weiterhin alles daran, dass dieses bedeutende Stück Münchner Stadtgeschichte wieder Wirklichkeit wird“. Diese Hoffnung teilt auch Angelika Luible – aller Skepsis zum Trotz. Wobei die Sprecherin von Heimat Giesing betont: „Wir werden nicht aufgeben, bis das Uhrmacherhäusl wieder steht.“ (Patrik Stäbler)

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