Dass sie jemals im Leben von Fortuna verwöhnt worden wäre, daran kann sich Birgit V. (Name geändert) nicht erinnern: „Ich bin Armut gewohnt.“ Doch so arm wie in jüngster Zeit war die Würzburgerin nie zuvor. „Die letzten beiden Winter hatte ich nicht geheizt“, erzählt die 59-Jährige, die wegen Burn-out aus dem Arbeitsleben katapultiert wurde. Kraft gibt ihr, dass sie seit einiger Zeit vom Projekt „Frauen in Not“ des Zonta Clubs Würzburg Electra unterstützt wird. Das Projekt hilft Frauen, die über keinerlei Vermögen und nur über eine minimale Rente verfügen.
Es ist eines von vielen Hilfsprojekten in Bayern von Bürgern für Bürger. Konkret geholfen wird über einen städtisch verwalteten Nothilfefonds. Mindestens monatlich erhält eine Würzburgerin im Rentenbezug Unterstützung für besondere Ausgaben. Die Nachfrage wächst, sagt Elisabeth Jentschke, die das Projekt vor zehn Jahren mit ins Leben rief. Das Angebot selbst wurde seitdem erweitert. Zum Fonds kam ein monatlicher Nachmittagstreff in einem Würzburger Café, um die armutsbedingte Einsamkeit der Frauen zu überwinden.
Wie kläglich in finanzieller Hinsicht sie leben müssen, sieht man keiner der Frauen an, die heute zum Treff gekommen sind und sich über einen von Zonta ausgestellten Gutschein mit Kaffee und Kuchen verwöhnen. Viele können im Winter höchstens ein Zimmer in ihrer Wohnung heizen. Oft ist es selbst dort nicht gerade mollig warm. Meist reicht das Einkommen auch nicht, um sich eigenständig den ganzen Monat lang mit Lebensmitteln zu versorgen.
Scheidung oder Krankheit stehen oft am Beginn der Abwärtsspirale
Keine der Frauen hat jemals richtig luxuriös gelebt. Doch vielen ging es früher deutlich besser. Scheidung oder Krankheit stehen oft am Beginn der Abwärtsspirale, sagt Elisabeth Jentschke von Zonta. Auch ihre Vereinskollegin Carmen Fischer kennt berührende Schicksale: etwa eine Frau, die mit ihrem Mann einen Betrieb hatte. Das Unternehmen ging pleite. Der Mann starb. Die Frau verlor alles. Ihren Lebensgefährten. Die Firma. Am Ende sogar ihr Haus.
Wie erbärmlich es vielen Menschen dieser Tage geht, erfährt auch André Döbber aus Bessenbach bei Aschaffenburg, der dem Verein „Gutherzig“ vorsitzt. Die Armut nimmt deutlich zu, erlebte er kürzlich bei der Weihnachtsaktion seiner Organisation. Viele arme Kinder aus Aschaffenburg erhofften sich einen Geschenkgutschein. „Zur Wahrheit gehört allerdings, dass es sich überwiegend um ausländische Kinder handelte“, berichtet er. Menschen, denen es in ihrem Heimatland schlecht geht, aufzunehmen, sei richtig: „Doch wir müssen ihnen hier eine Lebensgrundlage bieten.“ Das sei oft nicht der Fall. „Die Erwartungshaltungen werden oft nicht erfüllt.“
Döbber kennt einen rumänischen Mann, der oft draußen schlafen muss, weil die Obdachlosenunterkünfte voll sind. Nirgends reiche die Infrastruktur, um alle Menschen gleichermaßen gut zu versorgen. Das Gesundheitssystem ist überfordert. Psychisch kranke Menschen bekommen zu wenig und zu spät Hilfe. Überall mangelt es an bezahlbaren Wohnungen.
„Gutherzig“ bietet nicht nur punktuell Hilfe an. Zehn Familien werden begleitet. Was er hier zu sehen bekommt, sagt Döbber, sei erschreckend. Unlängst besuchte er eine Alleinerziehende mit vier Kindern: „Sie schickte ihre
Kinder nicht zur Schule, damit die nicht so viel Energie verbrauchen.“ André Döbber erbat die Erlaubnis, einen Blick in den Kühlschrank zu werfen: „Da fanden sich noch vier Scheiben Toastbrot.“ Statt Unterstützung, erzählt er, erfahren gerade Alleinerziehende Gängelung durchs Amt: „Bei einer Alleinerziehenden war das Amt schon zweimal da, einmal wurde die Wäsche durchsucht, ob es nicht doch einen Mann gäbe.“
Flüchtlinge konkurrieren um Sozialwohnungen
Als 2015 arabische und syrische Flüchtlinge nach Hof kamen, begann Gerhard Täuber, damals just Frührentner, sich zu engagieren. Heute koordiniert er die „Nächstenhilfe“ der Freien Christengemeinde Hof. Deren Fokus liegt auf der Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge in der Ukraine sowie in Hof. Aus christlichen Motiven heraus engagiert sich Täuber aber auch privat für bedürftige Mitbürger. „Ich gehe jetzt gleich zu einer Alleinerziehenden“, erzählt er. Die habe in den letzten Januar-Tagen kein Geld mehr, um Essen zu kaufen: „Ihre Kinder waren krank, sie musste ihr Geld für Medikamente ausgeben.“ Täuber will ihr heute etwas aus eigener Tasche zustecken.
Täuber entgeht nichts. Kürzlich sah er einen Mann, der eine halb verzehrte Pizza aus dem Müll fischte. Er ging zu ihm, nahm ihm die Pappe mit der Pizza aus der Hand und gab ihm Geld. Jeder Flaschensammler in Hof fällt Täuber auf. Vor allem kümmert er sich um bedürftige Senioren. Die Stadt Hof vermittelte ihm just eine 91-Jährige, die nicht mehr aus dem Haus kommt: „Es war eiskalt bei ihr, aus Angst, dass sie dafür nicht das Geld hat, heizt sie nicht mehr.“
Täuber bemerkt nicht zuletzt, dass es selbst in Hof inzwischen richtig brutal auf dem Wohnungsmarkt zugeht. Bis 2015 war Wohnraum in Hof billig: „Deshalb wurden so viele Flüchtlinge von München zu uns geschickt.“ Inzwischen würden Bruchbuden zu horrenden Preisen vermietet. Wie Döbber sieht auch Täuber eine Hauptursache der wachsenden Armut in einer völlig verfehlten Flüchtlingspolitik.
Hautnah mit Armut konfrontiert zu werden, kann beklemmende Gefühle auslösen. Ulrike Adler erlebt das seit einem Jahr. Damals übernahm die Psychologin die Einsatzleitung der Ökumenischen Kranken- und Bürgerhilfe in Bernau am Chiemsee. „Man glaubt nicht, welche Armut im eigenen Ort herrscht“, sagt sie. Da sei etwa der lungenkranke, frühpensionierte Mann, der nach seiner Scheidung in die Armut rutschte. Er lebte vollkommen isoliert in prekären Verhältnissen. Vor zwei Jahren, als nichts mehr ging, kontaktierte er den Bürgerverein. Der leierte verschiedene Hilfen an. „Der Mann bekommt nun einen Einkaufsdienst, auch haben wir die Tafel kontaktiert, die Dame, die für ihn einkaufen geht, holt hier jede Woche Essen für ihn ab.“
Adler bestätigt, dass viele Menschen Hilfe benötigen: „Wir kommen nicht mehr nach.“ 24 Helferinnen engagieren sich in ihrem Verein. 70 Bernauer werden unterstützt. Dabei handelt es sich nicht nur um alte Leute: „Wir kümmern uns auch um Kinder von Alleinerziehenden.“ Ständig kommen neue Anfragen: „Wir sind an unserer Kapazitätsgrenze.“ Bürgerhilfevereine und Notfonds sind ein Spiegel der sozialen Realität im Land.
In Senden erfährt dies Barbara Späth. Sie kümmert sich um die vor zehn Jahren gegründete Aktion „Senden hilft“. Fast monatlich erhält ein Sendener Bürger Unterstützung, weil keine andere Hilfe greift: „Wir helfen zum Beispiel Obdachlosen, die eine Wohnung gefunden haben, aber die Kaution nicht zahlen können.“ Geld gibt es auch für eine defekte Waschmaschine. Oder dafür, den abgestellten Strom wieder anzustellen. Das ganze Ausmaß der Armut bildet sich freilich nicht ab. Denn Geld zu beantragen, ist bürokratisch: „Man muss alles offenlegen.“ Das schreckt ab. Auch die Scham ist groß. (Pat Christ)
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