Luft? Sehr witzig! Nicht nur der Titel des Buches mit 200 Cartoons zum Thema Luft ist Programm. Als der Künstler und Grafiker Wilhelm Koch vor 20 Jahren in einer Amberger Stadtratssitzung den Vorschlag machte, in einem der ältesten Gebäude der Stadt ein Luftmuseum unterzubringen, hielten das viele für einen Witz. Mancher CSU-Politiker machte sich sogar auf den Weg, dieses „lächerliche“ Unterfangen zu unterbinden. „Wir konnten uns das einfach nicht vorstellen“, gestehen die Stadträte reumütig gut 20 Jahre später, und der Visionär Wilhelm Koch ist über die kleine Episode sichtlich amüsiert.
Ein weltweit einzigartiges Museum
Inzwischen ist aus dem vermeintlichen Luftschloss ein weltweit einzigartiges Museum geworden, das der kleinen Stadt an der Vils bereits 2010 den offiziellen Titel „Luftkunstort“ einbrachte. Ein Ort, an dem bislang mehr als 150 000 Menschen das Thema Luft in mehr als 160 Wechselausstellungen erleben konnten. Die Luft ist eines der essenziellen Elemente des Lebens. Anders als das Wasser ist sie unsichtbar und damit so selbstverständlich, dass kaum jemand daran einen Gedanken verschwendet.
Wilhelm Koch dagegen befasste sich bereits während des Kunststudiums mit dem Thema Pneu. „Mein Werkstoff waren Gummischläuche,“ erklärt er. 2004 entwarf er für ein Druckluftunternehmen einen „Airparc“ aus pneumatischen Skulpturen. Diese Werke bildeten später die Basis für das Luftmuseum und sind bis heute Teil der Dauerausstellung, zum Beispiel der Fliegende Teppich, interaktive Luftskulpturen, die Einkaufstütenorgel oder die Luftdusche und das Luftalphabet.
Erst nach seiner Zeit an der Kunstakademie erkannte Koch, dass sein eigentliches Metier etwas sehr Alltägliches ist. Etwas, an dem alle teilhaben – die Luft. Mit dem Akt, etwas scheinbar Alltägliches ins Museum, jenen Ort, an dem Kunst und Betrachter gesellschaftliche Positionen aushandeln, zu holen, macht er die Luft zum Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzung und das Museum zum Bestandteil des Kunstwerks.
Damit lehnt sich Koch an die Idee der „Sozialen Plastik“ an, wie sie Joseph Beuys formulierte. „Die Kunst als Gestaltung der Gesellschaft durch kollektive Teilhabe.“ – diesen Ansatz verfolgt er auch in weiteren Arbeiten, wie den pneumatisch gedehnten Lichtkuppeln des begehbaren Vesuna-Turms, einem Gemeinschaftsprojekt der Städte Périgueux und Amberg. Oder mit der „Asphaltkapelle“ in Etzdorf oder dem „Europa-Tempel“, in dem er das oft ferne und abstrakte Europa in den Alltag der Oberpfalz holt.
Im Luftmuseum haben nationale und internationale Künstler mit Fantasie, Innovation und Humor das Unsichtbare greifbar, sichtbar und hörbar gemacht. Und dabei Kunst geschickt verbunden mit Technik, Kreativität und Wissenschaft. Bereits 2009 kürte die Süddeutsche Zeitung das Luftmuseum zum „Museum des Jahres“. 2021 wurde es online in den Bewertungen gar zum „schönsten Museum in der Oberpfalz“ erhoben.
Viele lokale Firmen als Unterstützer
Die Liebe zum unsichtbaren Element ist in Amberg keinesfalls Zufall. In der Stadt gibt es zahlreiche Firmen, die „von der Luft leben“ und als Sponsoren das Museum unterstützen.
So wurde auch das Luftmuseum ein fester Bestandteil des Stadtlebens. Alle zwei Jahre finden im Wechsel die „Luftnacht“ und die „Luftklangmeile“ statt. In der gesamten Innenstadt präsentieren Künstlerinnen und Künstler ihre Werke. Im Jahr darauf verwandeln Blaskapellen des Nordbayerischen Musikbunds die Stadt in eine Luftklangmeile. Amberg lässt sich „airleben“, so das Marketing. Im Sommer bei den Orgelmusik-Matineen in der Schulkirche. Über das Jahr hinweg mit den sich gegenläufig drehenden Windrädern direkt gegenüber vom Museum oder dem Eisenschlauchboot des Schweizer Künstlers Jean-Marc Gaillard an der Vils. Ein besonderes Ereignis ist regelmäßig das große „Luftboottreffen“ Anfang Juni auf der Vils.
Anders als bei den Plättenfahrten lässt man sich hier einfach treiben. „Ganz entspannt!“, sagt Koch im Gespräch mit der BSZ. Sein Job als Museumsdirektor und -gründer ist weit weniger entspannt. Und auch wenn die luftig-leichte Idee vom Museum für die Luft eine unbestreitbare Erfolgsgeschichte ist, könnte dem Projekt durchaus bald die Luft ausgehen. Die Stadt Amberg beteiligt sich zwar großzügig an Kunstankäufen und stellt auch das historische Gebäude mietfrei zur Verfügung. Sie ermöglicht außerdem eine Stelle für eine hauptamtliche Geschäftsführerin.
Mit dem großen Erfolg kommen aber auch große Herausforderungen, die ein kleines Museum kaum bewältigen kann. Die ausgewiesene Museumspädagogik mit ihrem „fliegenden Klassenzimmer“, die Konzerte, Veranstaltungen und Vorträge – all das benötigt eine professionelle Betreuung. Ganz zu schweigen von der aufwendigen Verwaltung.
„Die Ausstellungen für die kommenden zwei Jahre sind kuratiert“, sagt Koch. Da gebe es kein Problem. Viel entscheidender sei die Frage: „Bekomme ich für die nächsten vier Jahre einen ehrenamtlichen Vorstand zusammen? Ich alleine kann das so nicht weitermachen“, sagt er. Eine Prognose zum Fortbestand des Museums wagt der Visionär diesmal nicht. „Wir werden sehen.“ (Flora Jädicke)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!