Kultur

Lahav Shani begeisterte bei seiner Premiere als Chefdirigent. (Foto: Münchner Philharmoniker, Sebastian Widmann)

27.09.2026

Neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker: Was kann Lahav Shani? So einiges!

Das Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker zeigt, dass eine neue erfolgreiche Ära anbrechen kann

Seine Ernennung zum designierten Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker im Februar 2023 erschien wie eine PR-wirksame, vergleichsweise günstige Verjüngungskur. Die Vorgänger von Lahav Shani waren allesamt ältere Stardirigenten. Für sie musste die Stadt München stets viel Geld zahlen.

Sein direkter Vorgänger Valery Gergiev war einst der teuerste Angestellte der Landeshauptstadt überhaupt. Nach dem Beginn des großflächigen Angriffs von Russland auf die Ukraine im Februar 2022 war der enge Putin-Freund Gergiev vom ehemaligen Münchner OB Dieter Reiter fristlos entlassen worden.

Die Ernennung Shanis wirkte 2023 wie eine übereilte Notlösung, aber: Das jetzige Antrittskonzert in der Isarphilharmonie deutete darauf hin, dass eine glückreiche Ära bei den Münchner Philharmonikern anbrechen kann.

Seit der Ernennung Shanis waren sie bereits gemeinsam zu erleben. Unvergessen das große Solidaritätskonzert in der Berliner Philharmonie vor einem Jahr: Shani und die Münchner wurden damals vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (SPD) persönlich empfangen. Nur wenige Tage zuvor waren sie vom Flanders Festival im belgischen Gent ausgeladen worden.

Als gebürtiger Israeli und Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra sollte sich Shani von der Gaza-Politik der israelischen Regierung klar distanzieren. Das war ein Fall von Cancel Culture mit antisemitischer Stoßrichtung, denn: Shani ist längst als Unterstützer für Frieden und Austausch bekannt. Das gilt zumal für den Nahostkonflikt. Er hat sich zudem nicht nur in Zeitungsartikeln eindeutig geäußert.

Als Zögling des berühmten Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim arbeitet Shani seit vielen Jahren mit dessen West-Eastern Divan Orchestra. In diesem Klangkörper musizieren palästinensische und israelische Jungtalente gemeinsam.

Neue künstlerische Impulse

Das jetzige Antrittskonzert von Shani in München hat indirekt eine Brücke zu dem Skandal vor einem Jahr geschlagen. Dafür standen die Chichester Psalms von Leonard Bernstein für Knabenstimme, Chor und Orchester. „Siehe, wie fein und lieblich es ist, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“, sang der Philharmonische Chor München am Ende von Bernsteins Chichester Psalms. Mit dieser Vertonung des Psalms 133 haben Shani und die Münchner ihr Denken und ihre Haltung unmissverständlich zum Ausdruck gebracht.

Mit dem Antrittskonzert wurde zudem deutlich, dass Shani den Münchnern auch künstlerisch neue Impulse schenken kann. Ein junger Dirigent war zu erleben, der sich in den vergangenen Jahren höchst erfreulich weiterentwickelt hat.

Ganz anders als sein Kollege Klaus Mäkelä: Der Finne fängt 2027 beim renommierten Concertgebouw-Orchester in Amsterdam an, wo er bereits 2022 zum designierten Chefdirigenten gekürt worden war. Zudem wird er ab 2027 das Chicago Symphony Orchestra leiten. Seither stagniert Mäkeläs Entwicklung nicht nur, sondern hält dem Rummel um seine Person in der Qualität nicht mehr stand.

Dagegen reift Shani als Dirigent immer mehr, wie jetzt sein Antrittskonzert in München offenbarte. Mit der weltberühmten, 85-jährigen Jahrhundertpianistin Martha Argerich und den Münchner Philharmonikern interpretierte er das Klavierkonzert in G-Dur von Maurice Ravel. Shani nahm die Tempi wohltuend fließend. Gleichzeitig wurde eine Energie freigesetzt, wie man sie bei den Münchner Philharmonikern in dieser Form schon länger nicht mehr gehört hatte.

Kein hohl lärmender Bombast oder breites, sattes Pathos, alles nuancenreich seziert ohne sperriges Denkfieber: Auf diese Weise wurden auch die Chichester Psalms von Bernstein sowie Igor Strawinskys Le Sacre du printemps verlebendigt. Damit hatte man nicht gerechnet. Bis dahin hatte sich Shani eher als konservativer Dirigent präsentiert, allen voran in Rotterdam, wo er die dortigen Philharmoniker lange geleitet hatte.p

Diesen höchst erfreulichen Höreindruck bestätigt auch die erste CD der Münchner Philharmoniker mit Shani am Pult. Sie ist jetzt beim Eigenlabel der Philharmoniker erschienen, mit Werken von Claude Debussy und Arnold Schönberg: alles absolut hörenswert.

Der wohl ergreifendste Moment beim Antrittskonzert war indessen die Zugabe. Da saß die große Argerich mit Shani am Klavier, um mit ihm vierhändig den Finalsatz aus Ma mère l’Oye von Ravel zu spielen. Das Publikum war buchstäblich aus dem Häuschen. Allein mit dieser Zugabe ist Shani ein veritabler Coup gelungen. Da ist fraglos ein starker Auftakt geglückt. (Marco Frei)
 

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