Kultur

Der neue Salzburger Ring von Kirill Serebrennikov. Er möchte den Nibelungen-Stoff mit internationalen Volksmythen verweben. Sein Rheingold spielt in Afrika. Als Wotan debütiert Christian Gerhaher (rechts). Ein starker Loge ist Brenton Ryan. (Foto: Frol Podlesny)

02.04.2026

Rheingold-Premiere: Ein packendes Duell der Dirigenten

Petrenko in Salzburg, Jurowski in München: Zwei Dirigenten, zwei musikalische Ansätze – und ein „Rheingold“, das zeigt, wie unterschiedlich Wagner klingen kann

In der Erinnerung werden Erlebnisse oder Zeiten manchmal schöner, als sie waren. Schnell kann man da in die verklärende Nostalgie-Falle tappen. Das gilt auch für die Jahre 2013 bis 2020, als Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper in München als Generalmusikdirektor (GMD) wirkte.

Nicht alles war Gold, was da glänzte. Sein Mozart offenbarte genauso Schwächen wie sein Belcanto. Sonst aber stürmte Petrenko musikalisch von Höhepunkt zu Höhepunkt. Das galt nicht zuletzt für Richard Strauss oder Richard Wagner, neben Mozart die Hausgötter am Münchner Nationaltheater. Seit 2019 agiert Petrenko als Chefdirigent bei den Berliner Philharmonikern. Sein Nachfolger in München heißt seit 2021 Vladimir Jurowski. Wer hören möchte, was heute in München unter Jurowski anders ist, der musste jetzt ins nahe Salzburg fahren.

Zwei Dirigenten, zwei Ansätze

Dort wurden die von Nikolaus Bachler verantworteten Osterfestspiele mit einer Rheingold-Premiere eröffnet. Das Besondere: Nach 13 Jahren Abwesenheit wurde mit dieser Premiere die traditionelle Salzburger Oster-Residenz der Berliner Philharmoniker wiederbelebt, mit dem heutigen Chefdirigenten Petrenko am Pult. Als Staatsopernintendant hatte Bachler seinerzeit Petrenko schon nach München geholt, und jetzt Salzburg.

Schon als Petrenko in München und Bayreuth den Ring des Nibelungen von Richard Wagner dirigierte, öffnete er die Ohren. Was ihm jetzt aber in Salzburg mit den Berlinern gelang, das ist epochal. In der Felsenreitschule wurde man Zeuge, wie aus einer kammermusikalischen Grundhaltung heraus ein dichtes Kammerspiel erwuchs. Dieses Rheingold, Auftakt eines neuen Rings von Kirill Serebrennikow, entwickelte nicht nur Tiefenschärfe.

Wohltuend fließend und ohne hohles Pathos

Petrenko sezierte zugleich hellhörig feinste Details, Instrumentalfarben und Klangschichtungen – wohltuend fließend, ohne hohles Pathos. Ganz anders Jurowski im Herbst 2024 bei der Rheingold-Premiere in München, mit der ein neuer Ring von Tobias Kratzer startete: Schon im Vorspiel rumpelten manche Bläser-Einsätze. Jurowski versteift sich in Details, mit durchaus hörenswerten Ergebnissen, aber: Die Kleinteiligkeit entwirft keine weiten Bögen.

Er möchte alles kontrollieren, gewährt dem Orchester kaum Raum zur freien Entfaltung. Auch Petrenko kann sich in Proben penibel vertiefen, um es jedoch in der Aufführung einfach laufen zu lassen. Diesen Unterschied in der Haltung hört man. Es ist staunenswert, dass Jurowski bei der Rheingold-Premiere in München mit dem Bayerischen Staatsorchester nur ein durchwachsenes Ergebnis erzielen konnte.

Denn wer diese Oper mit diesem wunderbaren Klangkörper dirigiert, kann eigentlich auf Autopilot schalten und dem Orchester blind vertrauen. Wagner gehört generell zur DNA dieses Klangkörpers, aber: Das Rheingold, der erste Teil des Rings, wurde 1869 am Münchner Nationaltheater uraufgeführt – von diesem Orchester. Doch Jurowski kann und will nicht blind vertrauen, sondern alles bis ins letzte Detail vorschreiben und kontrollieren.

Inszenierung und Ausblick

Das hat gar nichts mit dem partnerschaftlichen Geist der Kammermusik zu tun, aus dem Petrenko heraus musizieren lässt. Mit seiner musikalischen Leitung hat Petrenko in Salzburg klar die Nase vorn, im Gesang liegen beide Produktionen gleich auf. In München debütierte seinerzeit Nicholas Brownlee als Wotan. In Salzburg sang Christian Gerhaher nun seinen allerersten Wotan. Beide überzeugten, trotz konträrer Lösungen.

Der klar artikulierte Wotan Gerhahers passte perfekt zum orchestralen Kammerspiel von Petrenko. Dagegen passte Brownlees Wotan zum zupackenden, dynamisch bisweilen übersteuerten Zugriff Jurowskis. In der Regie hat indessen München bislang die Nase vorn. Hier hat Kratzer einen spannenden Kriminalthriller entworfen. Dagegen möchte Serebrennikov im Salzburger Ring die Kontinente bereisen und die jeweiligen Volksmythen mit dem Nibelungen-Stoff verweben.

Sein Rheingold spielt in Afrika, wo dortige Volksmythen genauso wie der Wagner-Stoff um Reichtum und Macht kreisen. Für den sonst so politisch pointiert agierenden Serebrennikow, unvergessen seine Münchner Nase von 2021, ist diese Aussage dünn. Vielleicht gewinnt sein Ring noch an Fahrt und Stringenz.

Im nächsten Jahr folgt bei den Salzburger Osterfestspielen Die Walküre mit Petrenko am Pult. In München eröffnet Jurowski mit diesem zweiten Ring-Teil die diesjährigen Opernfestspiele. Man darf gespannt sein, was Kratzer in der Regie aus der Rheingold-Vorgeschichte macht. Und vielleicht finden auch Jurowski und das wunderbare Staatsorchester besser zusammen. (Marco Frei)

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