Ein kleines, serienmäßig gefertigtes Atomkraftwerk, das Strom für eine Region liefert – ohne die Risiken klassischer Reaktoren: Mit diesem Bild wirbt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für sogenannte Mini-AKW. „Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt“, sagte er und sprach von einem „neuen Kapitel ohne die früheren Gefahren“. Gemeint sind sogenannte Small Modular Reactors, also kleinere, modular aufgebaute Reaktoren, die industriell vorgefertigt und anschließend vor Ort zusammengesetzt werden sollen.
Ob diese Technologie tatsächlich eine Option für Bayern ist, haben die Grünen im Landtag in einer Schriftlichen Anfrage hinterfragt. Die Antwort der Staatsregierung fällt deutlich zurückhaltender aus und verweist wiederholt auf offene Fragen, fehlende Erfahrungswerte und rechtliche Grenzen.
Technologie noch im Versuchsstadium
Nach Angaben der Staatsregierung befinden sich Small Modular Reactors „derzeit weltweit überwiegend noch in der Entwicklungs- oder Demonstrationsphase“. Ein kommerzieller Einsatz finde bislang nur in sehr begrenztem Umfang statt. Entsprechend seien belastbare Erfahrungswerte kaum vorhanden, sowohl im Hinblick auf Betrieb als auch auf Wirtschaftlichkeit.
Auch zu den Finanzen äußert sich die Staatsregierung zurückhaltend. Es gebe „keine belastbaren Aussagen zu den Kosten“ dieser Reaktoren. Damit lasse sich nicht beurteilen, ob Mini-AKW tatsächlich günstiger oder schneller zu errichten seien als konventionelle Kernkraftwerke. Aussagen über mögliche Strompreise oder wirtschaftliche Vorteile seien daher derzeit spekulativ.
Zudem weist die Staatsregierung darauf hin, dass viele Projekte aktuell auf staatliche Förderung angewiesen sind. Ob sich daraus langfristig tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln lassen, sei offen. Auch deshalb lasse sich derzeit nicht sagen, ob die Technologie marktfähig werde oder lediglich in Pilotprojekten verbleibe.
Keine konkreten Planungen im Freistaat
Konkrete Projekte in Bayern gibt es nicht. Weder seien Standorte geprüft noch Genehmigungsverfahren eingeleitet worden. Die Staatsregierung stellt klar, dass entsprechende Vorhaben derzeit nicht vorbereitet werden. Auch Gespräche über konkrete Pilotprojekte seien nicht Gegenstand der aktuellen Planungen.
Zugleich verweist sie auf die geltende Rechtslage. Der Betrieb von Kernkraftwerken zur Stromerzeugung ist in Deutschland beendet. Ein Wiedereinstieg wäre nur durch Änderungen auf Bundesebene möglich. Bayern könne daher keine eigenständigen Projekte umsetzen, auch nicht im Rahmen eines Pilotversuchs.
Auch mögliche Standorte bleiben damit theoretisch. Ohne bundesrechtliche Grundlage und ohne konkrete Planungen gebe es keine belastbaren Aussagen dazu, ob und wo entsprechende Anlagen errichtet werden könnten. Fragen der Genehmigung, der Sicherheitsprüfung und der Einbindung in bestehende Energiesysteme seien ebenfalls offen.
Offene Fragen bei Sicherheit und Entsorgung
Neben Kosten und Recht sieht die Staatsregierung auch bei Sicherheits- und Entsorgungsfragen erheblichen Klärungsbedarf. Zwar würden neue Reaktorkonzepte teilweise mit höheren Sicherheitsstandards beworben, dennoch müsse weiterhin „eine sichere Entsorgung radioaktiver Abfälle gewährleistet sein“.
Die bestehenden Herausforderungen bei der Endlagerung würden durch neue Technologien nicht automatisch gelöst. Auch mögliche neue Abfallarten sowie Anforderungen an Lagerung, Transport und Zwischenlagerung seien bislang nicht abschließend bewertet. Entsprechende Konzepte befänden sich ebenfalls noch in der Entwicklung.
Kritik der Grünen
Martin Stümpfig, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bayerischen Landtag, kritisiert die Atompläne von Ministerpräsident Markus Söder scharf: „Die Antworten der Staatsregierung zu den Mini-Atom-Plänen sind eine einzige Offenbarung. Er hat keinerlei Plan, wie und wo sich solche Mini-Atom-Reaktoren überhaupt technisch umsetzen lassen.“
Söders Vorstoß sei „das nächste Kapitel in gefährlichen Atomfantasien“, so Stümpfig. Wer Verantwortung für kommende Generationen ernst nehme, müsse stattdessen in wirksamen Klimaschutz und Versorgungssicherheit investieren, etwa in erneuerbare Energien, leistungsfähige Netze, Speicher und Wasserstoff.
Den von der CSU angefachten Streit über einen Wiedereinstieg in die Atomkraft bezeichnet er als „Spiegelfechterei“. Mini-Reaktoren würden „auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur Energieversorgung leisten“, während zentrale Probleme wie Sicherheitsfragen, ungelöste Endlagerung und hohe Kosten bestehen blieben. Entscheidend seien „verfügbare, skalierbare Lösungen statt teurer Scheinlösungen“. (loh)
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