Landtag

Wildschweine in Bayern weisen weiterhin erhöhte radioaktive Belastung auf. (Foto: dpa/imageBROKER/photoholic)

29.04.2026

Bis zu 1250 belastete Wildschweine: Tschernobyl wirkt in Bayern weiter nach

Auch Jahrzehnte nach Tschernobyl werden in Bayern noch radioaktive Belastungen gemessen: Bei bis zu 7216 Proben wurden 1250 Grenzwertüberschreitungen festgestellt – das zeigt eine Anfrage der Grünen

Ein Wildschwein wird erlegt, untersucht – und darf nicht vermarktet werden. Der Grund ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Ergebnis: Der Grenzwert für radioaktive Belastung wird überschritten. Für Jäger bedeutet das, dass das Fleisch nicht verwertet werden kann. Und für Bayern insgesamt ist es ein Hinweis darauf, dass die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auch Jahrzehnte später noch sichtbar sind.

Rund vier Jahrzehnte nach dem Unglück rücken aktuelle Zahlen diese Realität erneut in den Fokus. Sie stammen nicht aus Rückblicken, sondern aus laufenden Messungen. Die Ergebnisse zeigen, dass radioaktive Belastungen weiterhin festgestellt werden und in bestimmten Regionen nach wie vor eine Rolle spielen.

Im Bayerischen Landtag hat sich der Landtagsabgeordnete Paul Knoblach (Grüne) mit diesen Daten befasst. Seine Anfrage zielte darauf ab, die Entwicklung der radioaktiven Belastung bei Schwarzwild über mehrere Jahre hinweg darzustellen. Gefragt wurde nach der Zahl der untersuchten Tiere und nach den Fällen, in denen der Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm überschritten wurde. Zudem sollte geklärt werden, ob es aktuelle Forschungsarbeiten zur Belastung von Wildtieren oder Pilzen gibt.

Zahlen aus fünf Jagdjahren

Die Antwort der Staatsregierung basiert auf Erhebungen der Bayerischen Staatsforsten und umfasst mehrere tausend Proben pro Jahr. Schon der Blick auf die einzelnen Jahre zeigt, dass es sich nicht um vereinzelte Fälle handelt. Im Jagdjahr 2020/21 wurden 6115 Proben genommen, in 575 Fällen wurde der Grenzwert überschritten. Damit lag bereits in diesem Zeitraum eine messbare Belastung vor. Im darauffolgenden Jahr steigt die Zahl deutlich an. 2021/22 werden 7216 Tiere untersucht, 1250 davon weisen eine Belastung oberhalb des Grenzwerts auf. Dieser Wert stellt den höchsten im gesamten betrachteten Zeitraum dar.

Schwankungen ohne klaren Trend

In den folgenden Jahren gehen die Zahlen zurück, verschwinden jedoch nicht. Im Jagdjahr 2022/23 werden bei 5220 Proben noch 452 Überschreitungen festgestellt. Ein Jahr später sind es 368 Fälle bei 5065 untersuchten Tieren. Im aktuellsten Zeitraum 2024/25 steigt die Zahl wieder an: 476 Überschreitungen bei 5953 Proben. Damit bleibt die Belastung auch in den jüngsten Daten nachweisbar.

Über alle Jahre hinweg ergibt sich kein klarer Trend in Richtung eines vollständigen Rückgangs. Die Werte schwanken, bleiben aber durchgehend auf einem Niveau, bei dem regelmäßig Grenzwertüberschreitungen auftreten.

Warum die Belastung bestehen bleibt

Ein Grund dafür liegt in der langfristigen Bindung radioaktiver Stoffe im Ökosystem. Sie lagern sich im Waldboden ab und bleiben dort über lange Zeit erhalten. Über Pilze und andere Nahrungsquellen gelangen sie in die Nahrungskette und werden von Wildtieren aufgenommen.

Wildschweine sind davon besonders betroffen, da sie ihre Nahrung häufig im Boden suchen. Dadurch nehmen sie Stoffe auf, die sich über Jahre im Boden gehalten haben.

Zudem ist die Belastung regional unterschiedlich ausgeprägt. In Teilen Südbayerns und im Bayerischen Wald wurden nach der Reaktorkatastrophe höhere Mengen radioaktiver Stoffe abgelagert. Diese Unterschiede spiegeln sich weiterhin in den Messwerten wider.

Zur Frage nach wissenschaftlichen Projekten fällt die Antwort der Staatsregierung knapp aus. „Aktuelle bayerische Forschungsarbeiten zur radioaktiven Belastung von Wildtieren oder Pilzen sind der Staatsregierung nicht bekannt.“

Folgen über Generationen hinweg

„40 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe sehen wir in Bayern noch immer die Folgen radioaktiver Belastung in der Natur. Die aktuellen Zahlen zeigen: Das ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern betrifft unsere Wälder, Pilze und Tiere bis heute“, sagt Knoblach. Er ergänzt: „Während der Ministerpräsident über Mini-AKWs spricht, zeigt sich in Bayerns Wäldern die Realität der Atomkraft: Ihre Folgen wirken über Generationen hinweg.“ (loh)

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