Es gibt eine weiße Wand im Karmelitenkloster in Straubing, die dem Denkmalpfleger Gerald Dobler aus Wasserburg nicht aus dem Kopf geht. Der Forscher vermutet dahinter, in einem kleinen Extraraum in der Laiengruft unter dem aufgelösten Kloster, eine Gruft. Dobler glaubt, dass darin die Gebeine von Agnes Bernauer liegen. Ihr Grab im Straubinger Kloster? Das wäre nicht nur für Dobler eine Sensation.
Bis heute ist nicht bekannt, wo die Baderstochter aus Augsburg bestattet worden ist. Agnes Bernauer war die Geliebte oder erste Frau von Albrecht, dem späteren Herzog von Bayern. Und diese Liaison war der Grund für Bernauers tragisches Schicksal: Sie wurde auf Befehl von Albrechts Vater, Herzog Ernst, am 12. Oktober 1435 bei Straubing in der Donau ertränkt. Der Herzog sah durch diese unstandesgemäße Verbindung die Erbfolge der Wittelsbacher gefährdet.
Es gibt starke Indizien für das Grab im Kloster
Agnes Bernauer wurde wohl nicht dauerhaft in der 1436 errichteten Agnes-Bernauer-Kapelle auf dem Petersfriedhof bestattet, sondern im Karmelitenkloster. Dort wollte sie zumindest ihrem eigenen Wunsch zufolge begraben werden. Dort stiftete Albrecht auch am 12. Dezember 1435 einen Altar für sie und sich selbst.
Starke Indizien für Dobler: „Ihr Begräbnis in der dortigen Nikolauskapelle wird 1447 erwähnt. Zudem konnte ein Grab in der Kapelle auf dem Petersfriedhof 1785 unter ihrem Epitaph, das damals vom Boden an die Wand versetzt wurde, nicht gefunden werden.“
Doch auch im Karmelitenkloster konnte das Grab von Agnes Bernauer bis heute nicht gefunden werden, erklärt der Fachmann. Das Grab, sollte es sich im Kloster befinden, wird zumeist am Südende des heutigen Ostflügels vermutet. Es gibt die Angabe, dass es sich im südöstlichen Eckjoch des alten Kreuzgangs befunden habe und zwischen 1649 und 1655 beseitigt wurde. Es finden sich aber auch Quellen, die besagen, dass sich das Grab in der Nikolauskapelle befunden habe. Diese soll ebenfalls in diesem Bereich im Kreuzgang gewesen und 1692 abgebrochen worden sein. „Außerdem wird noch eine eigene Kapelle für Agnes vermutet“, sagt Dobler.
Nun gebe es in der Laiengruft unter dem barocken Südflügel einen abgemauerten Raum, der offensichtlich älter als die Kapelle sei und um den die barocke Gruft herumgebaut wurde.
„Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich auch bei diesem Raum um eine Gruft, und zwar für eine bedeutende Person, sonst hätte man beim Neubau den Raum wohl nicht stehen lassen“, sagt Dobler.
Hinzu komme, dass sich die erwähnte Nikolauskapelle dem Abbruchdatum 1692 zufolge eigentlich nur im Bereich des fünften oder sechsten Bauabschnitts des barocken Neubaus, also im heutigen Südflügel, befunden haben könne. Der südliche Teil des Ostflügels war wohl bereits 1691 unter dem Dach, wo im Erd- und Obergeschoss an der Wand zur Kirche offenbar ein Stichgang des Kreuzgangs vorhanden war.
„Dort wurde der Altar für Agnes im 17. Jahrhundert durch die Klosterangehörigen selbst vermutet“, erklärt Dobler. „Bemerkenswert ist auch, dass in der Klosterüberlieferung nichts zu diesem Raum zu finden ist – es scheint, als sollte die Erinnerung an ihn ausgelöscht werden.“
Der Wasserburger schränkt aber ein, dass es sich bei dem Raum theoretisch auch um die Krypta des Arme-Seelen-Altars von 1692, des Ersatzes für den früheren Michaelsaltar, in der Klosterkirche handeln könnte. Der Raum liege tatsächlich im Bereich dieses Altars, des östlichen Seitenaltars der Nordseite, jedoch außerhalb der eigentlichen Kirchenwand. Das spricht aus Doblers Sicht dagegen. „Es wäre seltsam, wenn der das System der Gruft unter dem Südflügel sprengende Raum nur wenige Jahre vor dem Bau dieses Flügels ab 1695 angelegt worden wäre.“
Dobler plädiert entschieden für eine Öffnung des Raumes, um festzustellen, ob es sich um die Gruft von Agnes Bernauer handeln kann oder ob dies auszuschließen ist. DNA-Spuren der Toten, mit denen man einen etwaigen Fund abgleichen könnte, gibt es natürlich keine. Aber womöglich existiert eine Inschrift. Und sollte man das Skelett einer Frau darin finden, könnte man schon ziemlich sicher sein, dass es sich um Agnes Bernauer handelt. In der Regel waren solche Gruften ja Männern vorbehalten.
Jetzt bestünde eine Gelegenheit, das herauszufinden, die sich so bald nicht wiederholen dürfte. Das Kloster wird nämlich generalsaniert. „Für die Stadt Straubing und ihre Bürger dürfte eine solche Untersuchung von hohem Interesse sein“, erklärt Dobler.
Das Karmelitenkloster soll nach dem Umbau Räume für die Studentinnen und Studenten des TUM Campus Straubing bieten. Seit dem Planungsstart Mitte 2025 hat sich das Planungsteam vertieft mit dem Klostergebäude sowie den bereits erarbeiteten Unterlagen und Plänen auseinandergesetzt, so eine Sprecherin des Staatlichen Bauamts Passau. Ein direkter Auftrag zu archäologischen Untersuchungen bezüglich einer angeblichen Grabstätte im Karmelitenkloster liege aber nicht vor.
„Für Straubing wäre das von hohem Interesse“
„Selbstverständlich werden die Arbeiten im Kloster mit der gewohnten Sorgfalt und Umsicht geführt, sodass etwaige archäologische Fundstätten nicht in Mitleidenschaft gezogen werden“, erklärt die Sprecherin. Heißt aber auch: Für das Staatliche Bauamt besteht keine Priorität, nach Agnes Bernauer zu suchen. Im Vordergrund steht eher, dass schnell Räume für die Studierenden zur Verfügung stehen.
Dobler hofft noch auf ein Umdenken: „Auf jeden Fall sollte die mutmaßliche Gruft in der Laiengruft unter dem Südflügel geöffnet werden“, sagt er. Er würde sich auch Grabungen in den nicht unterkellerten Bereichen am Ostende des Südflügels und am Südende des Ostflügels wünschen. Sonst dürfte das Geheimnis um die letzte Ruhestätte noch für sehr lange Zeit ungelüftet bleiben. (Melanie Bäumel-Schachtner)
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