Leben in Bayern

Tim war früher stundenlang am Handy, heute lernt er wieder, dass ein Tag auch ohne Dauerreiz funktioniert. (Foto: Pfeiffer)

27.02.2026

Mediensucht eines Zwölfjährigen: Reset in den Bergen

Ein Jugendlicher findet in einer Klinik im Berchtesgadener Land den Weg zurück ins Leben

Tim turnt über den Abenteuerspielplatz hinter der Rehaklinik Schönsicht, als hätte er hier, oberhalb des Berchtesgadener Talkessel, eine neue Art von Energie gefunden. Holz, Seile, Kletterelemente, kühle Luft. Dahinter die Berge, die den Blick automatisch heben. Bis vor Kurzem war das für den Jungen, der eigentlich anders heißt, kaum vorstellbar. Sein Alltag daheim kreiste um ein Gerät, das alles andere überlagerte. „Ich hab immer nur gezockt“, sagt Tim. „Ich hab eigentlich alles dafür getan, dass ich spielen kann.“

10 bis 13 Stunden am Tag, und es wurden immer mehr. Für die Schule blieb kaum noch Aufmerksamkeit, für den Schlaf ebenso wenig. Schlechte Noten, keine Hausaufgaben, am Ende der Versuch, dem Unterricht ganz aus dem Weg zu gehen. Erst zocken vor der Schule, dann sofort danach, später ging er teils gar nicht mehr hin. „Es hat mir nicht gutgetan“, sagt er.

Die Mutter ausgetrickst und angelogen

Der Alltag bestand aus Spielen. Zu Hause standen Geräte bereit. Der Vater hat etliche Konsolen im Schrank. Tim entwickelte Strategien. Er erzählt, wie er die Mutter umging, wie er auswich, drängelte, trickste, log. Hauptsache, Bildschirm. PC, Xbox, Nintendo Switch, vor allem aber das Handy. Spiele wie Brawl Stars, Clash of Clans oder Roblox. Alles, was schnell belohnt, alles, was keine Pausen verlangt.

Irgendwann fand die Familie den Kontakt zur Klinik Schönsicht, einer Rehaklinik für Kinder und Jugendliche in Berchtesgaden. Seit einigen Wochen ist Tim nun hier. In der ersten Woche durfte er das Handy täglich nur etwa 2 Stunden nutzen. „Da hatte ich schon so einen Entzug“, sagt er. Das Wort kennt man aus anderen Zusammenhängen. Hier passt es erstaunlich genau. Danach folgten eine Abstinenzwoche sowie ein Zeitkontingent von 7 Stunden pro Woche zur freien Einteilung.

Keine Strafe, betont Tim, eher ein Rahmen. Einer, der ihm zeigt, dass ein Tag auch ohne Dauerreiz funktionieren kann. In der Klinik entdeckt er Alternativen: Er geht schwimmen, weil es zum Programm gehört. Er findet Gefallen am Töpfern. Er ist draußen, bewegt sich, spielt, sogar mit anderen.

Wenn er davon erzählt, sprudelt es regelrecht aus ihm heraus. Und irgendwann merkt er, dass Ablenkung nicht nur im Smartphone steckt. „Ich wollte gar nicht mehr ans Handy denken“, sagt er, weil es daheim den ganzen Lebensalltag bestimmt habe. Jetzt liest er lieber. Und er wirkt dabei, als sei ihm selbst klar geworden, wie eng sein Radius geworden war.

Für die Rückkehr nach Hause erstellten die behandelnden Therapeuten einen Plan. Tim sagt, er habe keine große Angst vor einem kompletten Rückfall. Er möchte wieder mehr Spaß am eigenen Leben haben. Medien sollen weniger wichtig sein als der Alltag. Dieser Satz klingt bei einem Zwölfjährigen fast zu erwachsen. Dennoch wirkt Tim nicht wie jemand, der etwas auswendig gelernt hat. Eher wie jemand, der sich in sechs Wochen Therapiezeit Stück für Stück selbst beobachtete.

Solche Fälle sind es, die Klinikleiterin Iris Edenhofer umtreiben. Sie sagt, die exzessive Mediennutzung sei in den vergangenen Jahren massiv gewachsen. In der Klinik Schönsicht kämen fast nur Jungen an. Mädchen hingegen spielen weniger. Sie nutzen häufiger Social Media und folgen Influencern. Edenhofer plädiert deshalb für eine klare Linie. Handynutzung unter 14 Jahren solle grundsätzlich nicht erlaubt sein. Zu groß seien die Folgen, die sie in der Behandlung sehe. Sie spricht von schweren Verläufen, in denen Kinder Eltern bestehlen, um Guthaben fürs Zocken zu bekommen, und sich aus Schule und Alltag ausklinken.

Edenhofer nennt Zahlen, um das Ausmaß greifbar zu machen. Etwa 4 Prozent der jungen Menschen hätten ein pathologisches Mediennutzungsverhalten. Rund 30 Prozent seien in einem problematischen Bereich oder betroffen, also deutlich zu viel, deutlich zu häufig. Sie betont, wie dünn die Versorgungslage bisher ist. Es gebe bundesweit zu wenige spezialisierte Behandlungsplätze für dieses Störungsbild.

Auch deshalb soll das Pilotprojekt am Oberkälberstein nicht nur helfen, sondern auch besser untersuchen, was Mediensucht im Kindes- und Jugendalter ausmacht. Erik Winand Kolfenbach, Chefarzt an der Klinik, beschreibt das Problem als eine Art unsichtbare Epidemie. „Die Digitalisierung hat unsere Welt zwar revolutioniert, aber sie birgt Risiken, die wir nicht ignorieren dürfen“, sagt er. Gleichzeitig warnt er vor einfachen Antworten. Smartphone weg und alles wird gut, so funktioniere es nicht. Ein reiner Entzug allein sei nicht die Lösung.

Ein Totalverzicht? Kaum realistisch

„Nicht jede intensive Nutzung ist automatisch eine Abhängigkeit“, betont Kolfenbach. Kritisch werde es dort, wo typische Suchtmuster auftauchen. Vernachlässigung sozialer Kontakte, Verlust anderer Interessen, Aggression, wenn Medienzeit reduziert wird, deutliche schulische und soziale Folgen. Dann werde aus Gewohnheit ein System, das sich selbst füttert.

Kolfenbach verweist auf Orientierungswerte aus Studien, die er zusammengetragen hat. Teenager kämen im Durchschnitt auf mehr als 4 Stunden digitale Mediennutzung pro Tag. Rund 70 Prozent der 12- bis 17-Jährigen spielten regelmäßig Video- und Computerspiele. 3 bis 5 Prozent seien von einer klinisch relevanten Mediensucht betroffen.

Dazu kommt ein Narrativ, das Kolfenbach in Gesprächen immer wieder hört. Influencer werden, Profi-Gamer, irgendwann berühmt. Träume, die für manche zum Fluchtweg werden, weil der Alltag dagegen plötzlich langweilig wirkt. In der Schönsicht läuft deshalb das Pilotprojekt MeKi, ein spezielles Rehakonzept für internet- und medienabhängige Jugendliche mit exzessiver Mediennutzung, wissenschaftlich begleitet; rund 9000 Euro kostet die Therapie.

Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, koordiniert von der Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See (KBS). Die Charité Berlin begleitet es wissenschaftlich. Acht Jugendliche werden für jeweils sechs Wochen aufgenommen. Ein Nachsorgeprogramm über sechs Monate schließt sich an.

Totalverzicht in einer durchdigitalisierten Welt sei kaum realistisch, sagt Kolfenbach. Deshalb haben die Jugendlichen nur eine Abstinenzwoche. Stattdessen setzt man dort auf Teilabstinenz. Begrenzte Medienzeiten, klare Tagesstrukturen und zugleich das aktive Entdecken neuer Interessen. Kunsttherapie, Ergotherapie, tiergestützte Angebote, Sport in der Natur, dazu eine Klinikschule für Kernfächer, damit der Anschluss nicht abreißt.

Zurück in ein Leben, das sich wieder nach Leben anfühlt

Der Leitgedanke lautet: zurück in ein Leben, das sich wieder nach Leben anfühlt. Als Trainingsplan für den Alltag. Die Berge spielen dabei eine Rolle, die Kolfenbach nicht kleinredet. Für viele Patienten sei schon der Ortswechsel wirksam. „Hier in den Bergen lernen sie, wieder mehr wahrzunehmen“, sagt Kolfenbach. Und während Tim auf dem Abenteuerspielplatz herumklettert, wirkt diese Idee plötzlich erstaunlich konkret.

Kinderarztpraxen und regelpsychiatrische Einrichtungen seien überlastet, sagt Kolfenbach. Die Wartelisten sind lang. Genau deshalb setzt die Klinik auch auf Elternarbeit. „Sie sind für uns Co-Therapeuten“, sagt Kolfenbach. Ohne klare Regeln, Tagesstruktur und konsequentes Handeln könne es nicht funktionieren, vor allem in der Zeit nach dem Klinikaufenthalt, die über weitere sechs Monate begleitet wird.

Rückfälle werde es geben, sagt Kolfenbach. Doch die Hoffnung sei, dass ein Kind lernt, die eigene Geschichte umzuschreiben, bevor aus einem Muster vielleicht ein Lebenslauf wird. (Kilian Pfeiffer)
 

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