Leben in Bayern

Andreas Bönte hat die NS-Vergangenheit seines Großvaters recherchiert und dabei auch seine eigene Familiengeschichte neu betrachtet. (Foto: Herder Verlag)

24.08.2026

NS-Vergangenheit: Wenn das Schweigen der Familie weiterwirkt

Der frühere BR-Journalist Andreas Bönte stieß auf die Geschichte seines Großvaters, der 1938 an der Zerstörung der Synagoge in Rheine beteiligt war. Sein Buch erzählt von Schuld, Schweigen und den Folgen für die nächste Generation

Was geschieht mit einem Kind, wenn die Eltern mit einer Vergangenheit leben, über die sie nicht sprechen können? Und was geschieht mit einem Enkel, der erst Jahrzehnte später erfährt, was hinter dieser Sprachlosigkeit stand?

Für den 67-jährigen früheren BR-Journalisten Andreas Bönte begann die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte nach dem Tod seiner Mutter und später seines Onkels. Er fand zwei Kisten mit Hunderten Fotos und Dokumenten seines Großvaters Peter Wiborg. Darunter waren Parteiabzeichen der Großeltern und ein Marmor-Reichsadler auf einem Hakenkreuz. Zuvor hatte Bönte bereits Fotos seiner Mutter aus ihrer Zeit beim Bund Deutscher Mädel gefunden.

Auf den Spuren des Großvaters

Peter Wiborg lebte in Rheine und war seit 1934 SA-Sturmführer. Was genau hatte er getan? Gemeinsam mit einem Historiker recherchierte Bönte vor Ort. Anhand von Gerichtsakten rekonstruierte er die Ereignisse der Pogromnacht im November 1938. Sein Großvater gehörte zu den führenden Beteiligten an der Zerstörung der Synagoge. Wiborg ging mit einem SA-Trupp dorthin und schlug mit einem Beil die Eingangstür ein. Anschließend griffen die Männer jüdische Geschäfte und Wohnungen an.

Bönte gehört zu einer Generation, die mit dem Schweigen über die NS-Zeit aufwuchs. Erste Hinweise auf die Familiengeschichte erhielt er während eines Klinikaufenthalts wegen einer Angststörung. Für ihn war es ein Schock, dass ausgerechnet in seiner Familie ein Täter aus der NS-Zeit stand – und dass er selbst sich seit Jahren gegen Antisemitismus engagiert hatte.

Wenn Schweigen selbst zur Familiengeschichte wird

Hinzu kommt die Geschichte seiner Mutter. Sie fand ihren Vater nach dessen Suizid 1944 im Elternhaus. Über die NS-Vergangenheit der Familie wurde jahrzehntelang weitgehend geschwiegen. Dieses Schweigen war damit nicht bloß eine Lücke, sondern wurde selbst Teil der Familiengeschichte.

Durch die Recherche über seinen Großvater gewann Bönte einen neuen Blick auf seine eigene Lebensgeschichte. Ein Trauma werde allerdings nicht einfach wie ein Familienname weitergegeben, macht der Text deutlich. Es gebe keine einfache Gleichung, nach der aus der Schuld des Großvaters automatisch die Angst des Enkels werde.

Vielmehr geht es um die Frage, wie Schweigen, unausgesprochene Ängste, familiäre Rollen und verdrängte Erfahrungen die nächste Generation beeinflussen können.

Bönte suchte zunächst seinen Großvater. Am Ende stieß er dabei auch auf sich selbst. Die Aufarbeitung habe ihm erstmals das Gefühl gegeben, Wurzeln zu haben, schreibt er. Für die Taten der Vorfahren trägt die nachfolgende Generation keine Schuld. Sie kann sich aber mit ihnen auseinandersetzen. (Thomas Schuler)



Andreas Bönte, Die Vergangenheit in mir, Herder, Freiburg, 352 Seiten, 25 Euro.

ISBN 978-3-534-61153-9.

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