Das Problem ist klar: Die Bevölkerung altert. Fachkräfte fehlen. Der Wohlstand ist in Gefahr. „Deutschland arbeitet zu wenig und zu kurz“, warnte jüngst der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt. Ähnlich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Schon eine zusätzliche Arbeitsstunde pro Woche könne „enorm viel Wirtschaftswachstum bringen“. Und natürlich hat zuletzt die Forderung der Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU die Gemüter erhitzt, den Rechtsanspruch auf „Lifestyle-Teilzeit“ abzuschaffen.
Die alternde Volkswirtschaft retten, indem man einfach mal ein paar Privilegien sausen lässt, die Ärmel hochkrempelt, rackert: erst mal keine schlechte Idee.
Tatsächlich zeigt sich im internationalen Vergleich: Deutschland ist eines der Länder mit den kürzesten Arbeitszeiten. Rund 1340 Stunden pro Jahr und Erwerbstätigem werden hierzulande im Durchschnitt gearbeitet, in Frankreich sind es 1500, in Italien 1700, in den USA sogar 1800.
Richtig ist auch: Laut Statistikbehörde Destatis arbeiten rund 30 Prozent der Erwerbstätigen nicht in Voll- sondern in Teilzeit. In Bayern sind das etwa 2,1 von 7,87 Millionen Erwerbstätigen.
30 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten hierzulande in Teilzeit
So weit, so entspannt, könnte man sagen. Aber: Was die Produktivität pro Arbeitsstunde angeht, gehört Deutschland noch immer zu den führenden Industrieländern. Und: Die Erwerbsquote, also die Zahl der Beschäftigten selbst, ist hierzulande besonders hoch.
Das liegt auch an dem von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion kritisierten, 2001 durchgesetzten Rechtsanspruch auf Teilzeit. Eigentlich eine echte Erfolgsgeschichte, erdacht unter dem Eindruck hoher Arbeitslosigkeit: Teilzeit, so die damalige Hoffnung, sollte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und so die Erwerbsquote von Frauen steigern.
Seither ist es allen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen, die in einem Betrieb mit über 15 Mitarbeitern mehr als sechs Monate beschäftigt sind, erlaubt, in Teilzeit zu gehen – und zwar ohne Angabe von Gründen. Die Arbeitgeber müssen diesem Wunsch stattgeben, es sei denn, die Verringerung der Arbeitszeit beeinträchtigt wesentlich Organisation, Arbeitsabläufe oder Sicherheit im Unternehmen. Das könnte zum Beispiel für Operationen im Krankenhaus gelten, für Einsatzzeiten bei Polizei und Feuerwehr oder im Schichtbetrieb in Pflegeheimen oder Produktion.
Durch Teilzeit sind mehr Frauen erwerbstätig
Die Entwicklung zeigt: Teilzeitarbeit hat wesentlich dazu beigetragen, dass mehr Frauen denn je erwerbstätig sind. Denn die Mehrheit derer, die Arbeitszeit reduzieren, sind Frauen. Viele begründen ihre Entscheidung, in Teilzeit zu gehen, mit familiären Pflichten – nicht etwa mit dem Wunsch, sich einen schlanken Lenz zu machen.
Teilzeit ermöglicht insofern Arbeit, die sonst vielleicht gar nicht stattfände – und zwar vor allem in typischen, dringend benötigten, klassischen Frauenjobs wie Pflege, Erziehung, Einzelhandel, Gastronomie und in personenbezogenen Dienstleistungen wie Reinigung oder Friseurhandwerk.
Es gilt aber auch: Zahlreiche Teilzeitbeschäftigte würden laut Befragungen ihre Arbeitszeit durchaus ausweiten, wenn die Rahmenbedingungen dies zuließen. Ganz oben auf der Liste bisher unerfüllter Wünsche: eine verlässliche Kinderbetreuung.
Wenn mehr Menschen mehr arbeiten sollen, sind außerdem die richtigen Anreize gefragt. Immer wieder kritisieren Ökonomen das Ehegattensplitting, das es für verheiratete Paare finanziell besonders attraktiv macht, eine gut bezahlte Vollzeit- mit einer Teilzeitstelle zu kombinieren.
Umstrittenes Aufstocker-Prinzip
Umstritten ist im Übrigen das Aufstocker-Prinzip: Dass im Niedriglohnbereich Einkommen, die nicht zum Leben reichen, durch staatliche Leistungen ergänzt werden, mag zwar Menschen im Job halten. Es setzt aber keinen Anreiz, mehr zu arbeiten. Im Gegenteil. Fachkräfte aus dem Ausland anwerben, die Integration in den Arbeitsmarkt verbessern, neue Technologien beherzter einsetzen, bürokratische Hürden beseitigen, die Innovation verhindern: Es kann an vielen unterschiedlichen Schrauben zugleich gedreht werden, soll die alternde Volkswirtschaft in Schwung kommen.
Mehr Wochenstunden und eine längere Lebensarbeitszeit sind nur Teil der Lösung. Zumal ein Plus an Arbeitsstunden allein nicht automatisch die wirtschaftliche Leistung ankurbelt. Auf die Produktivität kommt es an. Wer einfach nur länger unmotiviert am Schreibtisch sitzt, steigert damit weder Innovation noch Wertschöpfung. Hinzu kommt: Wenn Arbeitskräfte fehlen, haben Beschäftigte vielerorts gute Chancen, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Es punktet der Arbeitgeber mit den attraktivsten Angeboten. Wer da weniger arbeiten möchte, geht einfach zur Konkurrenz. (Monika Goetsch)
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