Eva Vesterling (47) ist Vorstand und Gesellschafterin des Münchner Familienunternehmens Vesterling, einer Personalberatung für Technologie. Seit 2024 fungiert sie daneben als Landesvorsitzende des Familienunternehmerverbands in Bayern.
BSZ: Frau Vesterling, am Sonntag waren Kommunalwahlen. Worauf hätten die Wählerinnen und Wähler bei der Stimmabgabe achten sollen?
Eva Vesterling: Wir Familienunternehmen wünschen uns, dass die Wähler die Wirtschaftskompetenz der Kandidaten bei ihrer Wahl mitdenken. Für uns ist entscheidend, ob die Stadt, ob der Ort funktioniert und gute Rahmenbedingungen bietet – von den steuerlichen Hebesätzen über Infrastrukturmaßnahmen bis zur Vergabe von Kita-Plätzen und der Ausweisung von Gewerbe- und Wohnflächen.
Keine Wahlempfehlung des Verbands
BSZ: Würden Sie eine Wahlempfehlung abgeben?
Vesterling: Nein, wir sind als Wirtschaftsverband parteipolitisch neutral. Unsere Empfehlung ist, auf alle Fälle wählen zu gehen und dabei zu schauen, welche Kandidaten berufs- oder sogar wirtschaftserfahren sind.
BSZ: Im vergangenen Jahr gab es scharfe Kritik an Ihrem Verband, weil er einen AfD-Politiker auf eine Verbandsveranstaltung eingeladen hatte. Wie bewerten Sie den Vorgang rückblickend?
Vesterling: Alle Wirtschaftsverbände stehen vor der Frage: Wie geht man bei parlamentarischen Abenden damit um, dass man extremistische Positionen klar ablehnt, aber die Politiker solcher Parteien demokratisch gewählt wurden? Wir sind derzeit darüber mit unseren Mitgliedern bundesweit im Austausch. Für Bayern kann ich sagen, dass wir die AfD nicht zu Veranstaltungen unseres Landesverbands eingeladen haben. Wir haben in Bayern eine stabile bürgerliche Regierung, dort finden wir bei Wirtschaftsthemen unsere Ansprechpartner.
Erwartungen an Bayerns Kommunen
BSZ: Welche konkreten Forderungen haben Sie an die Kommunen in Bayern?
Vesterling: Natürlich freuen wir uns über attraktive Hebesätze bei der Gewerbe- und der Grundsteuer, aber ganz entscheidende Felder sind auch Infrastruktur und Wohnen. Das Thema bezahlbarer Wohnraum ist für uns bei der Mitarbeitergewinnung extrem wichtig. Ich erlebe es leider häufig, dass qualifizierte Bewerber ihre Stelle nicht antreten, weil sie am Standort keine erschwingliche Wohnung finden.
BSZ: Viele Kommunen würden sicher gerne mehr machen, können es sich aber nicht leisten. Wo sehen Sie Möglichkeiten, die finanzielle Lage von Kommunen zu verbessern?
Vesterling: Bei den Haushalten der öffentlichen Hand sind für mich immer die ersten Fragen, wie die Ausgaben priorisiert sind und ob Mittel effizient eingesetzt werden. In diesen Bereichen lässt sich in meinen Augen viel gewinnen. Wenn Kommunen immer mehr leisten sollen, muss die föderale Steuerverteilung aber auch neu geregelt werden.
BSZ: Wo liegen aus Sicht der Familienunternehmen die Probleme beim Thema Erbschaftsteuer?
Vesterling: Beim Vererben eines Unternehmens geht es um das Betriebsvermögen, das in Maschinen, Gebäuden, Inventar, Patenten und Lizenzen gebunden ist, eher weniger um frei verfügbares Kapital. Das ist der entscheidende Unterschied. Unsere große Sorge ist, dass bei einer Einbeziehung des Betriebsvermögens viele Unternehmen wegen der Steuerlast zerschlagen werden müssen oder von ausländischen Investoren übernommen werden. Uns geht es darum, die Unternehmen produktiv zu halten und die Arbeitsplätze zu sichern.
„Wir werden um Mehrarbeit nicht herumkommen“
BSZ: Müssen nicht auch die Unternehmen einen Beitrag zur Konsolidierung im Staat leisten?
Vesterling: Das tun sie bereits in erheblichem Maße. Der Staat hat aktuell Rekordsteuereinnahmen. Nötig ist beim Staat mehr Ausgabendisziplin. Mit Blick auf die Unternehmen möchte ich auch betonen, dass wir Arbeitsplätze und vor allem Ausbildungsplätze schaffen und erhalten. Als Familienunternehmen vor Ort unterstützen wir zudem lokale Vereine und Veranstaltungen.
BSZ: Sie sehen sich also genug in die Pflicht genommen, fordern als Verband aber von den Beschäftigten längere Arbeitszeiten, späteren Renteneintritt und Karenztage im Krankheitsfall. Wie passt das zusammen?
Vesterling: Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werden wir nicht um Mehrarbeit herumkommen als Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Ohne Gegenmaßnahmen haben wir in zehn Jahren bundesweit eine Arbeitskräftelücke von drei Millionen. Es braucht daher durchaus qualifizierte Zuwanderung, eine Steigerung der Produktivität, den Einsatz von künstlicher Intelligenz und die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen. Aber das alles wird leider ohne längere Arbeitszeiten nicht reichen, wenn wir auch in zehn Jahren noch einen starken Wirtschaftsstandort, gut bezahlte Arbeitsplätze und Wohlstand haben wollen.
Erwartungen an die Bundesregierung
BSZ: Seit einem Jahr ist die neue Bundesregierung im Amt. Erfüllt sie Ihre Erwartungen?
Vesterling: Ich habe mich persönlich und auch mit unserem bayerischen Landesverband vor der Bundestagswahl sehr stark dafür eingesetzt, dass wir eine Wirtschaftswende bekommen. Wir waren mit der Ampel maximal unzufrieden. Mit der neuen Regierung hat sich zwar der Sound etwas verbessert, aber die getroffenen Maßnahmen sind noch zu wenig. Wir brauchen Reformen, Reformen, Reformen. Durchhalteparolen führen nicht zu Wirtschaftswachstum.
BSZ: Wo braucht es Reformen vor allem?
Vesterling: Unsere Kernprobleme sind die zu hohe Bürokratie, die zu hohen Steuern, Abgaben und Energiepreise sowie der Fachkräftemangel. An diese Punkte muss die Bundesregierung dringend ran. (Interview: Jürgen Umlauft)
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