Politik

Für manche Schüler ist Präsenzunterricht die Hölle. (Foto: dpa)

09.10.2026

Diskussion um Schulpflicht: Weg mit der generellen Präsenzpflicht

Für Kinder mit Autismus oder schwerem ADHS ist der Präsenzunterricht aufgrund ihrer Filterschwäche nach Ansicht von Fachleuten oft ungeeignet. Überfüllte Klassen und der ständige Lärmpegel sind für viele von ihnen die reinste Folter. Homeschooling wie in Österreich wäre für viele ein Segen. Generell sollten die Eltern entscheiden, wo ihr Kind lernt. Ein Kommentar von Tobias Lill

Eine Idee ist mitunter nur so gut wie derjenige, der sie hat. Als zuletzt Teile der AfD forderten, die hierzulande geltende Schul- durch eine Bildungspflicht zu ersetzen und Homeschooling zu ermöglichen, war der Aufschrei groß. Viele taten so, als sei das Recht auf Unterricht zu Hause der Untergang des Abendlands – auch, weil der Vorschlag von den Falschen kam. Dabei ist Homeschooling in vielen Ländern erlaubt, etwa auch in Österreich.

Sicher: Dass Kinder unabhängig von ihrer Schichtzugehörigkeit eine Schule besuchen können, ist eine enorme Errungenschaft. Bildung ist der Schlüssel für vieles im Leben. Doch es gibt eine große Zahl neurodiverser Mädchen und Buben, für die überfüllte Klassen und der ständige Lärmpegel die reinste Folter sind. Für Kinder mit Autismus oder schwerem ADHS ist der Präsenzunterricht aufgrund ihrer Filterschwäche nach Ansicht von Fachleuten oft ungeeignet. Nicht wenige von ihnen werden von Schule zu Schule gereicht. Laut einer Erhebung von 2019 war jeder fünfte Autist in Bayern bereits von einem Schulausschluss betroffen. Zudem melden viele Eltern ihre Kinder monatelang krank, um einen Zusammenbruch oder Fehlverhalten zu vermeiden.

Natürlich muss die Vermittlung des Stoffs kontrolliert werden

Um den Lernstoff zu bekommen, sind die oft intelligenten Kinder bislang jedoch allein auf den guten Willen der jeweiligen Schule angewiesen. Ein Anspruch auf Bildung existiert nicht, die Präsenzpflicht dagegen schon. Immer wieder erhalten Eltern, deren Kinder im Regelbetrieb der Bildungsanstalten zu zerbrechen drohen, Bußgeldbescheide der Schulbehörde oder Besuch vom Jugendamt, wenn sie ihre Kinder zu oft krankmelden. Der Leidensdruck Tausender Schüler ist immens.

Auch Eltern von nicht beeinträchtigten Kindern sollten das Recht auf Homeschooling haben. Natürlich müsste geprüft werden, ob der Stoff tatsächlich vermittelt wird. Doch seit Corona ist es leicht, Lerninhalte digital bereitzustellen. Und Schüler können mit kleinen Robotern, sogenannten Avataren, dem Unterricht gut folgen. Zudem könnten Lehrkräfte gelegentlich nach Hause kommen. Ein Weiter-so darf es jedenfalls nicht geben.
 

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