Es gibt sie mit Cola-, Wassermelonen- und anderen süßen Aromen: Nikotinbeutel, die man zwischen Lippe und Zahnfleisch schiebt, E-Zigaretten, bei denen eine Heizspirale ein Nikotin-Liquid erhitzt, und Zahnstocher, deren Spitze mit Nikotin getränkt ist. Die Tabak- und Nikotinindustrie brachte in jüngster Zeit einige neue Produkte auf den Markt, die gerade bei jungen Leuten äußerst beliebt sind.
Die Münchner Carl-von-Linde-Realschule verbot jetzt sogar das Benutzen jeglicher Zahnstocher, weil der Trend immer mehr um sich griff. Die normalen Zahnstocher lassen sich äußerlich nicht von den verbotenen, aber leicht im Internet zu bestellenden Nikotinprodukten unterscheiden. Fachleute warnen schon vor einer Renaissance der Nikotinsucht bei jungen Menschen, die zuvor jahrelang deutlich zurückgegangen war.
Laut der europäischen Schülerstudie ESPAD gaben noch vor 20 Jahren fast 75 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an, mindestens eine Zigarette geraucht zu haben. Inzwischen ist es nur noch ein Drittel der Befragten. Zählt man aber die populärer werdenden E-Zigaretten hinzu, kommt man auf die Hälfte.
Auch Hendrik Streeck, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, sieht darin ein wachsendes Problem. Der CDU-Politiker und Mediziner fordert klare Regelungen für diese neuen Nikotinprodukte – und ein Verbot der süßen Aromen. „Viele E-Zigaretten, Nikotinbeutel oder ähnliche Produkte sind offenkundig so gestaltet, dass sie besonders Jugendliche ansprechen. Das dürfen wir nicht hinnehmen“, sagt Streeck der Staatszeitung.
Seit 2024 ist Werbung für E-Zigaretten zwar wie bei normalen Zigaretten auf öffentlichen Flächen und im Internet verboten. Doch in den sozialen Netzwerken wie Tiktok, in denen ein Großteil der jungen Menschen unterwegs ist, wird weiter kräftig geworben, wie Verbraucherschutzzentralen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beklagen.
Stärkerer Schutz wird geprüft
Wie Streeck mitteilt, sei er dazu und zu weiteren Themen in Gesprächen mit Akteuren aus Bund und Ländern. Die Bundesregierung prüft derzeit, ob ein Verbot von Einweg-E-Zigaretten möglich wäre. Im Landtag bereiten CSU und Freie Wähler eine Gesetzesänderung vor, die das Rauchverbot im Freistaat auf E-Zigaretten ausweitet. Während die Grünen das befürworten, sind SPD und AfD dagegen.
Laut Schätzungen der WHO greifen mittlerweile weltweit schon 100 Millionen Menschen zu E-Zigaretten, 15 Millionen davon sind Kinder und Jugendliche. Bemerkenswert ist dabei das relativ junge Einstiegsalter. Der Schülerstudie ESPAD zufolge gibt es besonders bei Mädchen bis 13 Jahren, die täglich konsumieren, einen Anstieg. „Suchtverhalten ist selten isoliert: Wer früh mit dem Konsum der einen Substanz beginnt, wird auch für andere anfälliger“, warnt der Drogenbeauftragte Streeck.
Dazu zählt auch der Alkohol, nach wie vor die Droge Nummer eins auch bei Kindern und Jugendlichen. Immerhin wird der Alkoholkonsum seit mehreren Jahren kontinuierlich weniger. Laut dem Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) trinken aktuell 6,9 Prozent der weiblichen und 12,4 der männlichen Zwölf- bis 17-Jährigen regelmäßig, also mindestens einmal wöchentlich, Alkohol. Eine Halbierung der Werte im Vergleich zu 2004.
Beliebter wurde in den vergangenen Jahren dagegen der Konsum von Cannabis. Laut der aktuellen Drogenaffinitätsstudie des BIÖG konsumierten 4,6 Prozent der weiblichen und 7,2 Prozent der männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren innerhalb von zwölf Monaten Cannabis. In der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren waren es 31,6 Prozent (Männer) beziehungsweise 18,8 Prozent (Frauen). Jeder Neunte der minderjährigen Konsumenten wies einen problematischen Konsum auf, bei den Älteren war es jeder Achte. Was die Studie zeigt: Die Freigabe von Cannabis für Erwachsene hatte auf den Konsum der Jugendlichen keine Auswirkungen. Allerdings gab es bei jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren einen leichten Anstieg.
Gefahren durch Smartphone und Computer
Der Drogenbeauftragte Streeck sieht auch weitere Gefahren für junge Menschen. Zum Beispiel ein zunehmend bedenkliches Medienverhalten: Rund jeder vierte Jugendliche habe Schwierigkeiten, seinen Umgang mit Smartphone, Computer oder Spielkonsole zu kontrollieren. „Das kann für die Betroffenen erhebliche gesundheitliche und soziale Folgen haben – und stellt auch unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen.“
Daneben gebe es eine wachsende Gruppe von Jugendlichen, die sehr risikoreich Drogen konsumiere und dabei kaum zwischen einzelnen Substanzen unterscheide. Laut Streeck ist es inzwischen auch in Europa vergleichsweise leicht geworden, an hochpotente synthetische Opioide zu gelangen. „Substanzen wie Nitazene oder Fentanyle sind extrem gefährlich; ihr Konsum endet nicht selten tödlich.“
Der Drogenaffinitätsstudie zufolge konsumierten 1,5 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren bereits eine andere illegale Droge als Cannabis. Bei den jungen Erwachsenen hatten 13,5 Prozent mindestens einmal eine illegale Droge konsumiert, ein Prozent von ihnen sogar regelmäßig. Tendenz steigend. Am beliebtesten: Ecstasy, gefolgt von Amphetaminen und Kokain. Um das einzudämmen, brauche es eine flächendeckende Suchtprävention sowie klare Regeln im Umgang mit riskanten Substanzen und Angeboten, fordert Streeck. (Thorsten Stark)
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