Seit der Corona-Pandemie ist eine nachlassende Impfbereitschaft zu beobachten, bei verschiedenen Immunisierungen. Woran liegt das?
Die Münchner Versorgungsforscherin Linda Sanftenberg berichtet für den vergangenen Winter von den „schlechtesten Impfquoten gegen saisonale Influenza seit 17 Jahren“. Sanftenberg ist Vorstandsmitglied des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen (NABI).
Die Impfbereitschaft zumindest um einige Prozentpunkte hochzuschrauben, ist Ziel der Europäischen Impfwoche vom 19. bis 25. April. Motto: „Impfen wirkt in jeder Generation.“ Sanftenberg betont: Die Wichtigkeit von Impfungen schwinde nicht mit dem Alter: „Im Gegenteil, gerade ältere Patienten ab 60 Jahre sind einem erhöhten Risiko für Infektionen, Langzeitfolgen und schweren Verläufen ausgesetzt.“
Unterschiedliche Entwicklungen je nach Impfung
Insgesamt ist das Impfverhalten sehr unterschiedlich, je nachdem, welche Impfung man betrachtet. Nicht nur die Impfungen gegen Influenza gehen deutlich zurück. Bayernweit lassen sich auch nur noch vergleichsweise wenige Menschen gegen Corona impfen. Gesteigert werden konnte die Rate der HPV-Impfungen bei Jugendlichen.
Bei den allermeisten Impfungen jedoch hinkt das Impfverhalten den Erwartungen von Facheinrichtungen hinterher, zum Teil deutlich. Selbst bei der stark beworbenen Gürtelrose-Impfung ist das so. Das mag daran liegen, dass es inzwischen eine Reihe von Studien gibt, die von teils schweren Impfnebenwirkungen berichten.
So erschien im März im Journal Scientific Reports eine japanische Studie über anhaltende Symptome nach einer SARS-CoV-2-Impfung. „Wir erstellten ein landesweites Register in 14 japanischen Ambulanzen und analysierten 179 klinisch eindeutige Fälle von 279 eingeschriebenen Patienten“, berichten die Autoren. Von diesen Patienten seien fast 500 Beschwerden gemeldet worden. Ein ganzer Katalog an Störungen ist in der Studie gelistet, vom chronischen Müdigkeitssyndrom über Brustschmerzen bis hin zu Schwindel und Fibromyalgie.
Zweifel, Zahlen und Wahrnehmung
Auch in Bayern werden immer wieder Verdachtsfälle auf mögliche Corona-Impfschäden gemeldet. Nach Auskunft des Zentrums Bayern Familie und Soziales (ZBFS) gingen bis Mitte Januar dieses Jahres 3113 Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens ein. 166 wurden anerkannt. Meist gelingt es nicht, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und Gesundheitsstörung herzustellen. Das Argument: „Was soll es sonst gewesen sein?“ gilt nicht.
Während der Pandemie in den Jahren 2021 und 2022 gab es nach Auskunft des bayerischen Gesundheitsministeriums eine allgemein hohe Impfbereitschaft. Studiendaten zufolge schätzten 2021 insgesamt 87 Prozent der Bevölkerung die Corona-Impfung für sich selbst als wichtig ein. 2022 waren es immerhin noch 83 Prozent. Inzwischen lassen sich in Bayern nur noch 10 Prozent der Menschen ab 60 gegen Corona impfen.
Das Robert Koch-Institut fand in einer jetzt veröffentlichten Studie heraus: Nicht selten werden empfohlene Impfungen abgelehnt. 20 Prozent von 5450 Befragten ab 18 Jahren sind davon überzeugt, dass sich Gesundheitsbehörden „blind der Macht der Pharmakonzerne beugen“. Weitere 20 Prozent halten es dagegen für vertretbar, Menschen, die gegen bestimmte Krankheiten nicht geimpft sind, von Veranstaltungen auszuschließen. 10 Prozent halten Bestrafungen für legitim.
Kampagnen und Kritik
Nach Aussage der AOK Bayern sind im Freistaat Pneumokokken-Impfungen, Diphtherie-Tetanus-Kombinationen, HPV- und Meningokokken-Impfungen sowie Masern-Mumps-Röteln-Kombinationen stark nachgefragt. Die Gesamtzahl an Impfungen der bei der AOK in Bayern Versicherten blieb zwischen 2021 und 2024 nahezu gleich, wobei zu beachten ist, dass es immer mehr Impfungen gibt. 2021 wurden knapp 1,93 Millionen Impfungen registriert. 2024 waren es 1,95 Millionen.
Die Analyse statistischer Veränderungen über einen noch größeren Zeitraum hinweg ergibt laut AOK wenig Sinn, eben weil immer neue Impfungen hinzukommen. „Beispielsweise wurde die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) für die HPV-Impfung 2018 auf Jungen ausgedehnt, zuvor galt sie ausschließlich für Mädchen“, heißt es.
Um das Bewusstsein für die Bedeutung gerade der HPV-Impfung zu stärken, hat die AOK Bayern 2025 eine Informationskampagne gestartet. Die Zahl der HPV-Impfungen bei den 9- bis 14-Jährigen ist im zweiten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum dann um 9 Prozent gestiegen.
In den vergangenen Monaten fiel auf, dass Gürtelroseimpfungen stark beworben wurden. Die Organisation „Mein Essen zahl’ ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“ protestierte dagegen, dass das Unternehmen GlaxoSmithKline als Hersteller des einzig zugelassenen Gürtelrose-Impfstoffs Shingrix durch Angsterzeugung zur Impfung animiert. Zwecks Umsatzsteigerung würden schockierende Bilder gezeigt und erschreckende Leidensgeschichten wiedergegeben.
Empfohlen wurde die Gürtelroseimpfung für Personen ab 60 Jahren Ende 2018, berichtet die Geschäftsstelle der Bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI). Dennoch seien 2025 lediglich 19 Prozent aller Menschen über 60 Jahren in Bayern zweifach gegen Gürtelrose geimpft gewesen. (Pat Christ)
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