Es ist oft eine gefährliche Odyssee, die nach Deutschland geflüchtete Kinder und Jugendliche durchleben. Doch sind sie erst einmal hier, bieten ihnen die Jugendämter umfassende Hilfen, bringen sie etwa bei Pflegefamilien, in Heimen oder Wohngemeinschaften unter. Viele von ihnen werden 24 Stunden am Tag betreut. Neben Kosten für Erzieherinnen, Sozialpädagogen und Unterkunft kommt der Staat auch für die Therapien oder Teilhabemaßnahmen wie Schulbegleiter auf. Denn bei der Jugendhilfe spielt der Aufenthaltstitel keine Rolle.
Kinderschutzorganisationen, Flüchtlingshelfer und ein Teil der Parteien halten den hohen Aufwand für angemessen. Die Kinder und Jugendlichen seien „häufig traumatisiert und finden sich nun allein in einem fremden Land wieder, wo sie sich nicht auskennen, sie weder Kultur noch Sprache verstehen“, sagt etwa Doris Rauscher, Sozialexpertin der SPD-Landtagsfraktion.
Bis zu 100.000 Euro kostet Schätzungen zufolge die Unterbringung eines unbegleiteten minderjährigen Ausländers (UMA) pro Jahr – je nach Betreuungsbedarf. In Bremen sind es im Schnitt 85.000 Euro. Für Bayern können weder Landkreistag, Bezirke noch Sozialministerium auf BSZ-Anfrage die Kosten im Schnitt beziffern „Die Tagessätze für stationäre Angebote der Kinder- und Jugendhilfe variieren je nach konzeptioneller Ausgestaltung, Bedarfen der dort untergebrachten Zielgruppen und regionaler Lage in Bayern“, so ein Sprecher des Sozialministeriums. Ein hoher fünfstelliger Betrag sei jedoch realistisch, bei jungen Erwachsenen weniger, heißt es aus dem Ministerium.
Landkreistag: "Kosten- und ressourcenintensive Daueraufgabe“
Klar ist: Die Kosten stiegen in den vergangenen Jahren rasant – bundesweit flossen Milliarden. Eine wesentliche Ursache ist der Ukraine-Krieg. Kamen im Jahr 2019 lediglich 530 unbegleitete minderjährige Ausländer nach Bayern, waren es 2023 bereits 3157. Auch wegen des Endes des syrischen Bürgerkriegs sank deren Zahl 2025 zwar auf 1025. Viele der 2022 und 2023 gekommenen unbegleiteten Flüchtlinge sind jedoch noch immer minderjährig oder bekommen auch als Volljährige noch Leistungen aus der Jugendhilfe. Ihre Zahl stieg allein zwischen 2023 und 2025 trotz nachlassender Ankunftszahlen um gut die Hälfte. Knapp 4700 als UMA Eingereiste bezogen Ende Januar dieses Jahres Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – davon laut offizieller Statistik jedoch lediglich 2200 tatsächlich noch Minderjährige.
Angesichts klammer Kassen ächzen viele Kommunen unter der Last. „Die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ist für die Landkreise seit Jahren eine kosten- und ressourcenintensive Daueraufgabe“, sagt ein Sprecher des Bayerischen Landkreistags. Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf (CSU) klagte bereits 2024, die Kommunen seien „am Limit“. Immerhin: Der Freistaat erstattet den Kommunen und Bezirken einen erheblichen Teil der Kosten. Zum Teil erhält er dieses Geld vom Bund.
Rund 60 Millionen Euro mussten 2025 die Kommunen zahlen
Im Landeshaushalt 2024 flossen für die Versorgung der UMA über 98 Millionen Euro an die Bezirke – sowie 10 Millionen Euro für junge Erwachsene. Letztere sind Pauschalen und nicht die tatsächlichen Kosten der Kommunen. „Der Anteil der Kosten für junge Volljährige, die die Bezirke getragen haben, dürfte sich im Jahr 2025 auf rund 60 Millionen Euro belaufen“, sagt eine Sprecherin des Bayerischen Bezirketags. Letztlich zahlen dafür die Landkreise und Städte über die Umlage.
Zwar dürften die Kosten für die UMA wegen der zurückgehenden Flüchtlingszahlen in Zukunft wohl wieder sinken - zumindest im vergangenen Jahr wurde es aber noch einmal teuer für den Steuerzahler. "Die Kostenerstattung durch den Freistaat an die Bezirke betrug 2025 für unbegleitete minderjährige Ausländer 179,6 Millionen Euro", sagt ein Sprecher des Sozialministeriums. Er verweist jedoch auf die bestehende vierjähirge Verjährungsfrist für die Erstattungsansprüche. Sprich: Möglicherweise haben die Bezirke schlicht im vergangenen Jahr auch noch Kosten aus den Vorjahren im größeren Umfang mitabgerechnet.
Unstrittig ist: 60 Millionen Euro ist für die Bezirke kein Pappenstil. Der Bezirketag fordert deshalb mehr Mittel vom Freistaat. Das Sozialministerium wiederum wünscht sich mehr Bundesmittel – und eine weitere Reduzierung der Einreisen.
AfD fordert strengere Alterskontrollen
Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion Christoph Maier fordert strengere Alterskontrollen: „Da viele ohne Ausweise oder mit gefälschten Papieren einreisen, ist eine biologische Altersfeststellung notwendig.“ Kontrollen bei Verdachtsfällen gibt es jedoch bereits. Allein in Baden-Württemberg wurden seit 2022 mehrere Dutzend Fälle falscher Altersangaben aufgedeckt.
Klar ist: Die Kapazitäten der Jugendhilfe sind begrenzt. Mancherorts droht ein Verdrängungswettbewerb. Eltern behinderter Kinder berichten teilweise, dass die Jugendämter und Bezirke immer öfter notwendige Therapien oder Schulbegleiter nicht oder erst nach Widersprüchen bezahlten.
Die Grünen-Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel kritisiert derweil, junge Geflüchtete würden „mit dem 18. Geburtstag aus der Jugendhilfe gedrängt – selbst wenn sie mitten in Schule oder Ausbildung stehen“. (Tobias Lill)
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