Immer schlechtere Leistungen beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften, dazu ein Bildungserfolg, der stark von der sozialen Herkunft abhängt: PISA hat dem deutschen Bildungssystem ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer warnt bereits vor den Folgen mangelnder Kompetenzen für die Wirtschaft: „Der Bildungsnotstand wird zum Standortrisiko.“
Zuwanderung ist nicht gleich Zuwanderung
Eigene PISA-Zahlen für Bayern gibt es nicht. Leistungsvergleiche wie der IQB-Bildungstrend 2024 zeigen allerdings eine ähnliche Entwicklung: Bayerische Neuntklässler gehören in Mathematik und den Naturwissenschaften zwar weiterhin zur deutschen Spitzengruppe. Doch auch im Freistaat sind die Leistungen seit 2018 deutlich gesunken. Zugleich hat sich der ohnehin starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung signifikant verstärkt.
Die Ursachen sind laut Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), „multikausal“. Entscheidend sei unter anderem der sozioökonomische Status der Familien. Eltern, die mehrere Jobs bräuchten, um über die Runden zu kommen, könnten weder Nachhilfe geben, noch teure Lernangebote finanzieren. Hinzu kämen Migration und Sprachdefizite sowie Belastungen aus der Corona-Zeit.
PISA zeigt: Der Leistungsabstand zwischen 15-Jährigen mit und ohne Migrationshintergrund hat in Deutschland zu einem erheblichen Teil mit der sozialen Herkunft und der zu Hause gesprochenen Sprache zu tun. Zierer sieht das deutsche Bildungssystem durch die Migrationspolitik „an Grenzen gebracht“. Dass das Elternhaus in allen OECD-Ländern Einfluss auf den Bildungserfolg hat, überrascht ihn wenig: „Wovon soll Bildung sonst abhängen?“
Das Argument, in Deutschland gehe es besonders ungerecht zu, bezeichnet er als „Nebelkerze“. Dabei würden kulturelle Differenzen ausgeblendet. Auch von pauschalen internationalen Vergleichen hält er nichts. Denn Zuwanderung ist nicht gleich Zuwanderung. Deutschland war in den vergangenen Jahren stark durch Fluchtmigration geprägt, anders etwa Kanada, ein klassisches Einwanderungsland. In seinem gerade erschienenen Buch Wovon sprechen wir, wenn wir „Bildung“ sagen? erklärt Zierer, Bildungsgerechtigkeit bedeute nicht, alle Kinder gleich zu behandeln, sondern ihre unterschiedlichen Voraussetzungen zu berücksichtigen und entsprechend zu fördern. Manche Kinder benötigten mehr Unterstützung als andere.
Stellenmoratorium trotz steigender Schülerzahlen
Simone Fleischmann setzt hier vor allem auf mehr Personal: „Echte Förderung: Das geht halt nur in Kleingruppen.“ Ausgerechnet zum aktuellen Schuljahresbeginn greift allerdings das von Grünen und SPD, von Gewerkschaften und Berufsverbänden stark kritisierte Stellenmoratorium der bayerischen Staatsregierung. Obwohl knapp 20 000 Schülerinnen und Schüler mehr als im Vorjahr die Schulen besuchen, werden zunächst keine zusätzlichen Lehrerplanstellen geschaffen.
Erst zum Schuljahr 2027/28 sollen 1500 zusätzliche Lehrerplanstellen geschaffen werden. Auf den Mangel reagiert das Kultusministerium unter anderem mit „bedarfssenkenden Maßnahmen“. Schulen können etwa Wahlangebote reduzieren, größere Klassen bilden oder Gruppenteilungen aussetzen.
Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) räumt ein, dass die Herausforderungen durch das Stellenmoratorium „auch an Schulen spürbar sein“ werden. Sie betont jedoch, die Unterrichtsversorgung sei zum Schuljahresbeginn stabil aufgestellt. Dass sich die Kompetenzen bayerischer Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften rückläufig entwickelt haben, nehme sie „sehr ernst“. Mit der PISA-Offensive 2024 habe der Freistaat deshalb in der Grundschule einen Schwerpunkt auf Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt. Diesen Weg wolle man nun an den Mittelschulen fortsetzen. Auch in Bayern beeinflusse die soziale Herkunft den Bildungserfolg, so Stolz. Entscheidend sei, früh mit Förderung und Diagnostik anzusetzen. Deshalb wird der Sprachstand bereits vor der Einschulung verbindlich erhoben; bei Bedarf schließt sich eine verpflichtende Förderung an. Mittelschulen können Unterrichtsstunden flexibler einsetzen, um die Schüler gezielter in den Basiskompetenzen zu fördern.
Mehr Förderung an Schulen mit schwierigen Bedingungen
Gegensteuern soll auch das Startchancen-Programm von Bund und Ländern. In Bayern nehmen 580 Schulen mit besonders schwierigen sozialen Ausgangsbedingungen teil. Sie erhalten zusätzliche Mittel.
Für Fleischmann ist der gebundene Ganztag ein probates Mittel, Schüler individuell zu fördern. Ihre Kritik: In Bayern gehe es beim Ausbau des Ganztags bislang zu sehr um Betreuung, Bildung und Förderung kämen zu kurz. Stark macht sie sich für ein „Sondervermögen Bildung“, gemeinsam getragen von Bund und Ländern. Jeder Cent davon müsse bei den Kindern ankommen – bei Schülerinnen und Schülern aus sozioökonomisch schwachen Familien ebenso wie in der Begabtenförderung. „Man kann überall sparen: nur nicht an der Bildung.“ (Monika Goetsch)
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