Das neue Schuljahr in Bayern startet in gut einer Woche – und es gibt einige Herausforderungen. Es werden Tausende Schülerinnen und Schüler mehr als bisher erwartet – während der Freistaat mit Verweis auf die Haushaltslage keine zusätzlichen Stellen geschaffen hat. Gleichzeitig steigt der Förderbedarf immer weiter. Die Unterrichtsqualität dürfte darunter leiden – die Attraktivität des Berufs auch.
1,76 Millionen Kinder und Jugendliche gingen im abgelaufenen Schuljahr zur Schule. 20.000 mehr sind es nach Prognosen des Kultusministeriums ab 15. September – erst kommende Woche veröffentlicht das Ministerium die aktuellen Zahlen. Unterrichtet werden sie wohl von rund 163.000 Lehrkräften. So viele waren es im vergangenen Schuljahr – und wegen eines Stellenmoratoriums dürfen lediglich Lehrkräfte, die beispielsweise in den Ruhestand gegangen sind, ersetzt werden.
Selbst das Kultusministerium spricht auf Anfrage von einer „zusätzlichen Herausforderung“ durch das Moratorium. Schon jetzt gibt es laut der gerade erst erschienenen Prognose zum Lehrereinstellungsbedarf etliche Lücken. 610 Stellen fehlen in diesem Jahr, bis Ende des Jahrzehnts wird die Deckungslücke über 2000 Vollzeitstellen betragen. Am meisten fehlen Lehrkräfte in den Mittelschulen. Also dort, wo gleichzeitig der größte Förderbedarf wäre. Nur an Grundschulen gibt es auf absehbare Zeit keinen Mangel. Ein Sprecher des von Anna Stolz (Freie Wähler) geführten Kultusministeriums betont, dem Ministerium sei es ein wichtiges Anliegen, den Unterricht an allen Schulen im Freistaat sicherzustellen. „Dies ist in den vergangenen Schuljahren trotz angespannter Personalsituation immer gelungen.“
3 Prozent Unterrichtsausfall
Das sehen nicht alle so. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), verweist auf 3 Prozent Unterrichtsausfall in den Mittelschulen schon im Schuljahr 2024/25. Fehlen mehr Lehrkräfte, dürfte noch mehr Unterricht ausfallen. Besonders Mittelschulen müssten Klassen zusammenlegen und sicher auch Angebote zusammenstreichen. Etwa zusätzlichen Förderunterricht, Arbeitsgemeinschaften – und weitere Angebote, bei denen womöglich auch einmal Kinder, die sonst wenig Erfolgserlebnisse haben, brillieren könnten. „Das werden wir teuer bezahlen“, sagt Fleischmann. „Weil die Kinder die Abschlüsse nicht schaffen werden. In vier, fünf Jahren werden wir’s merken.“
Denn es sind nicht nur mehr Schülerinnen und Schüler, auch der Förderbedarf nimmt immer weiter zu. Gründe gibt es viele: die enorme Zuwanderung von Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine und anderen Ländern in den vergangenen Jahren, die oft Traumata mit sich brachten und die die deutsche Sprache nicht beherrschen. Dazu Schülerinnen und Schüler, die noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen haben, die aktuellen Krisen verarbeiten müssen und auch zunehmend mit Armut konfrontiert sind. Und natürlich deutlich verminderte Aufmerksamkeitsspannen durch Social Media.
Die Zahlen sind dramatisch: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf stieg an den Mittelschulen vom Schuljahr 2019/20 bis zum Schuljahr 2024/25 um 33 Prozent, bei Realschulen um 50 Prozent und an Gymnasien sogar um 83 Prozent. Auch die Zahl der Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, hat enorm zugenommen. Fast die Hälfte sind es inzwischen an der Mittelschule, 19 Prozent an der Realschule und 16 Prozent am Gymnasium.
„Wer an Bildung spart, spart an der falschen Stelle“, sagt Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands. Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen bräuchten Schulen „verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Personal und die notwendige Unterstützung, um ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag erfüllen zu können“.
Lehramtstudium wird immer unattraktiver
Immerhin: Das Stellenmoratorium soll im nächsten Jahr nicht mehr für Lehrkräfte gelten. Die Frage ist nur, ob sich noch genügend Nachwuchs findet, um die Stellen zu besetzen. Seit Jahren geht das Interesse am Lehramtsstudium zurück. Seit dem Wintersemester 2014/15 gab es schulartübergreifend einen Rückgang um 5 Prozent. Das immer noch beliebte Grundschullehramtsstudium beschönigt allerdings die Zahlen. So sieht es in den anderen Schularten aus: Realschule minus 17 Prozent, Gymnasium minus 24 Prozent und Mittelschule sogar minus 41 Prozent.
Dass man dringend etwas an der Attraktivität des Studiums verbessern muss, hat auch die Staatsregierung erkannt. Im Spätsommer/Frühherbst will das Kultusministerium ein Konzept „zur Weiterentwicklung des Lehramtsstudiums“ veröffentlichen, wie ein Sprecher erklärt.
„Wichtig ist für mich, dass wir damit gute Rahmenbedingungen schaffen, mehr junge Menschen für den Lehrerberuf gewinnen und sie gleichzeitig bestmöglich auf die vielfältigen Anforderungen des Schulalltags vorbereiten“, sagt Peter Tomaschko (CSU), der Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Kultus des Landtags. Man müsse das Lehramtsstudium attraktiv und zukunftsfest weiterentwickeln. Eine Reform dürfe sich aber nicht in neuen Strukturen und Modellversuchen erschöpfen, sagt Oskar Atzinger, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. „Das Lehramtsstudium muss stärker auf die tatsächlichen Anforderungen des Lehrerberufs vorbereiten.“
Nicole Bäumler, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, befürchtet, dass es eher zu einem Reförmchen kommen wird. „Für uns als SPD ist die Richtung klar: ein schulartübergreifendes Grundstudium, mehr Praxis von Anfang an“, sagt sie. Doch die Staatsregierung halte an der schulartspezifischen Ausbildung und am zentralen ersten Staatsexamen fest – was die nötige Flexibilität blockiere. (Thorsten Stark)
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