Ob in der Frühzeit, im Mittelalter oder heute, die Gesellschaft braucht einen Sündenbock – heute meist in der Form von Verschwörungstheorien. Mehr archaisch ist der bildfigurige Analogiezauber mit zu tötenden Puppen als Ersatz für den oder die eigentlich Gemeinten, wie er im Voodoo-Kult geläufig ist. Mit der Kanalisierung der Aggression auf ein einzelnes Opfer festigt die Gemeinschaft ihren Zusammenhalt. Selbst in unseren Breiten gibt es dies in ritualisierter Form.
Den Reigen des symbolischen Begrabens und Sterbens eröffnet bereits die endende Faschingszeit mit dem Begraben des Faschings, etwa in Effeltrich mit dem Strohbären als vermeintliche Verkörperung des Winters. Dieser wird von weiß gekleideten und mit frühlingshaft bunten Bändern geschmückten Burschen mit Peitschenknall vertrieben und schließlich verbrannt – ein Schicksal, wie es wenig später am vierten Fasten- oder Passionssonntag Lätare die Strohpuppen beim „Todaustragen“ trifft.
In Burgebrach führte man zu Anfang des 19. Jahrhunderts einen Strohmann durch die Straßen und hielt am Aschermittwoch förmlich Gericht über ihn als stellvertretenden Sündenbock für die eigene Völlerei während der Faschingszeit. Alles, was sich in Stadt und Land Übles oder Ungereimtes zugetragen hatte, hielt man dem armen Strohmann vor, der dann für schuldig befunden und dem Flammentode preisgegeben wurde.
Der Strohmann fliegt in die Luft
Noch heute lebendig ist dieser Brauch in Jülich, wo seit über drei Jahrhunderten eine Sündenbockfigur, der Lazarus Strohmanus, am Tag vor Aschermittwoch, dem Veilchendienstag (Veilchen als Frühlingskünder), bei einem Umzug so oft mit einem Tuch in die Luft geworfen und geprellt wird, bis die Sünden der Jülicher gebüßt sind. Anschließend wird er in der Nacht unter Wehgeschrei in den Stadtfluss geworfen. In christlicher Deutung ließe sich das Jesusmotiv erkennen, der als Stellvertreter die Sünden der Welt auf sich nahm und in den Tod ging.
Steht am Aschermittwoch die menschliche Vergänglichkeit im Mittelpunkt, so ist es zu Lätare die Überwindung des Todes durch den Heiland – verkörpert an einer bestimmten Person, um dann am Auferstehungsfest Ostern in den endgültigen Sieg über den Tod für das ganze Menschengeschlecht einzumünden. Gleichwohl war der Brauch schon den Römern bekannt. Damals wurden nicht nur Strohmänner in die Luft geworfen, sondern auch Menschen beziehungsweise Widderböcke selbst als Sündenböcke geopfert.
Rosa statt violett
Traditionell tritt der Papst mit einer goldenen Rose am vierten Fastensonntag vor die Gläubigen als Zeichen für die nahende Passionszeit und die Auferstehung, weshalb dieser Tag symbolträchtig den Beinamen „Rosentag“ oder „Rosensonntag“ erhielt. Auch der „Rosenmontag“ (der zwar der Fastenzeit vorausgeht) hängt damit zusammen: Das Kölner Fastnachtskomitee tagte seit 1823 immer am Montag nach dem vierten Fastensonntag, weshalb das Komitee bald als „Rosenmontagsgesellschaft“ bezeichnet wurde. Der vierte Fastensonntag (kirchlich Lätare) ist gewissermaßen das Pendant zum dritten Adventssonntag. Die Paramente in den Kirchen sind an diesem Sonntag auch nicht violett, sondern rosa.
Durch das Violett der österlichen Bußzeit scheint schon das Weiß der österlichen Festzeit. Das „Kleine Ostern“, wie der Sonntag Lätare ebenfalls genannt wird, ist eine bereits auf dem Leidensweg vernehmbare Vorankündigung des Ostersieges über den Tod. Die Zerstörung der den Tod symbolisierenden Puppe erinnert an die zentrale Verheißung der christlichen Auferstehungsbotschaft, dass als letzter Feind der Tod vernichtet wird. So wie der Glaubende bereits zu irdischen Lebzeiten (gemäß dem 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 55) „Tod, wo ist dein Stachel?“ fragen kann, scheint die verniedlichende Bezeichnung „Tuodla“ dem Tod seinen Schrecken genommen zu haben. Die Eier, die die Heischeverse (Bittverse) singenden Kinder bekommen, sind Zeichen für werdendes und nach dem Tod verheißenes Leben.
Schon im 16. Jahrhundert erwähnt
Bereits im 16. Jahrhundert hat Johann Böhm, aus dem fränkischen Aub an der Gollach gebürtig, in einer lateinisch verfassten Schrift (Erstausgabe Omnium gentium mores, leges et ritus 1520) über Bräuche an Mittfasten berichtet. Gemeint ist eben der Sonntag Lätare (diesjährig am 15. März), benannt nach dem Beginn des Messegesangs „Laetare Jerusalem“ („Freue dich, Jerusalem“), an dem die Jugend ähnlich dem Begraben des Faschings „aus Stroh ein Bild“ verfertigte, „welches den Tod, wie man ihn abmalt“, darstellte. Ähnliches wusste 1534 der in Donauwörth geborene Sebastian Franck in seinem Weltbuch über die „Seltzsame breuch der Francken“ zu berichten. Sie hingen das Bild an eine Stange und unter Geschrei trug man es in die benachbarten Dörfer. Dort erhielt die Jugend Milch und gedörrte Birnen zur Erquickung und kehrte dann wieder nach Hause zurück.
In manchen Orten wurde jedoch der Besuch der Jugendlichen mitunter weniger freundlich aufgenommen, zumal man es „für ein anzeygen [Anzeichen] zukünfftigs todts“ hielt und sie wurden „übel empfangen und … mit scheltworten und etwan mit streychen“ davongetrieben. Es soll auch am Mittfastentag ein Lied gesungen worden sein, das wie folgt angegeben wird: „Nun treiben wir den Tod aus/den alten Weibern in ihr Haus,/den Reichen in den Kasten,/heut ist Mittfasten.“ Am Ende des Umgangs wurde die Figur des Todes ins Wasser geworfen. (Gerhard Handschuh)
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