Unser Bayern

08.05.2026

Unser noch unerforschtes Bayern: Über Maibaumdiebstahl

Über den Einsatz von Hubschraubern und Rollatoren beim Maibaumdiebstahl. Bernhard Setzwein findet, manchmal muss auch das bayerische Brauchtum innovative Wege beschreiten

Dieses Jahr kam es im nördlich von München gelegenen Karlsfeld zu einem ziemlich spektakulären Maibaumdiebstahl. Ich meine, dass ein zum Aufstellen bereitliegender und mitunter auch schon fertig geschmückter Maibaum gestohlen wird, das ist an sich nichts Besonderes und kommt jedes Jahr mehrfach vor. Das gehört gewissermaßen zur Corporate Identity der Bajuwaren und sorgte schon bei unzähligen Generationen für mordsmäßige Gaudi, vor allem wenn es dann ans Auslösen des Diebesguts gegen Bier und Brotzeit geht. Nicht umsonst spricht man davon, alles Treiben rund um den Maibaum herum gehöre zu den ältesten Bräuchen Bayerns und reiche zurück bis in germanische Zeiten. Freilich sagen nicht wenige Volkskundler, man soll nicht immer alles glauben, vor allem dann nicht, wenn es mit dem Attribut „uralt“ behängt wird.

Was nun ebenfalls kaum zu glauben ist, ist die Tatsache, dass der Maibaumklau von Karlsfeld plötzlich eine schwere Straftat sein soll, ausgeführt von einer „bandenmäßig organisierten Kriminellenorganisation“, die mit ihrem Treiben die Straftatbestände „Hausfriedensbruch“, „Einbruch“ und „Diebstahl“ erfüllen. Ja, hört sich denn jetzt mit einem Mal aller Spaß in Bayern auf? Ja! Und zwar offenbar dann, wenn eine Seite bei dera Sach‘ nicht so mitspielt, wie es sich normalerweise gehört. Denn „brauchmäßig“ muss es eigentlich so sein, dass es die einen gibt, die ihren Maibaum fürs Aufstellen hergerichtet haben und ihn bewachen, und zwar Tag und Nacht. Und dann gibt es noch die anderen, die die Bewacher austricksen und versuchen, ihnen das begehrte Holzstangerl – pardon! – quasi pfeilgrad unterm Arsch wegzustehlen. Man erzählt sich, dass dabei mitunter auch die holde Weiblichkeit eingesetzt wird, nämlich um den Bewachern die Köpfe zu verdrehen, und zwar eindeutig weg vom Maibaum.

Was aber nun, wenn in dem „Spiel“ diejenigen, die die Bewacherrolle einzunehmen hätten, einfach sagen, sie haben keine Lust? Oder auch, wie es jetzt neubairisch heißt, keine entsprechende „Manpower“? So war es in Karlsfeld. Da erklärt man jetzt, wo der Maibaum in den Brunnen gefallen ist, es hätte niemanden gegeben, der zur Bewachung bereit gewesen wäre. Und folglich musste man ihn auf dem Werksgelände des Karlsfelder Heizkraftwerks deponieren, wo man ihn für absolut geschützt glaubte. Immerhin ein massiver, hoher Metallzaun drumherum, Überwachungskameras und Alarmanlagen. Dumm war an der Sache nur, dass das andere nun erst recht herausgefordert hat, es den Karlsfeldern zu zeigen. Und das waren die jungen Kerle vom Burschenverein Allach, die sich noch Verstärkung bei versierten Maibaumdieben von Inning geholt haben, denn dass das Ganze eine enorme Herausforderung sein würde, mit Kraxeln und Abseilen am Kraftwerksgebäude, das war allen klar. Am Schluss waren über 60 Männer beteiligt und es gelang ihnen tatsächlich, den Baum vom Werksgelände herunterzuholen. 60 Mann! Nette Panzerknackerbande. Andere sprachen da lieber von „bandenmäßiger Kriminalität“. Einer der Beteiligten nahm’s mit Humor. Er meinte: „Oana alloa konn so an Baam ned trogn. Na guad, na samma hoid a Bande!“

Die Causa Karlsfeld warf bei manchem Kommentator die Frage auf: Wie viel Moderne verträgt Tradition? Muss nach wie vor alles old-style-mäßig abgehen, vielleicht sogar noch mit kleiner Rauferei zwischen „Dieben“ und „Bewachern“, oder dürfen auch Errungenschaften der Moderne ins Spiel kommen wie Whatsapp-Gruppe und Wärmebildkamera? Vor Jahren gab es einen Diebstahl am Plateau der Zugspitze, wo Mitarbeiter der Zugspitzbahn einen Maibaum in der Pistenraupengarage gelagert hatten. Und nicht mit der Rentnerbande der sich selbst so nennenden „Maibaum-Ganoven“ rechneten, die sich in Tirol einen Helikopter mieteten und damit erfolgreich zuschlugen. Ich finde das innovativ und respektabel. Man muss auch mal über Neuigkeiten im Brauchgeschehen nachdenken. Genau wie die älteren Herrschaften aus dem Seniorenwohnheim im österreichischen Mehrnbach, denen man aus ihrer Einrichtung den Maibaum gestohlen hatte. Sie organisierten den brauchmäßig durchaus erlaubten Gegenklau und brachten ihr Schmuckstück wieder zurück … unter Einsatz gleich mehrerer Rollatoren. Hut ab davor!
 

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