Bauen ist deutlich teurer geworden. Wohnen wird für viele Menschen dadurch kaum noch bezahlbar. Politik und Fachverbände suchen deshalb nach Wegen, die Kosten zu senken – etwa durch weniger Standards, einfachere Bauweisen oder serielle Fertigung. Aktuell besonders im Fokus: der Gebäudetyp E, eine von mehreren Möglichkeiten, günstiger zu bauen.
Dabei wird bewusst von Bau- und Komfortstandards abgewichen. Das bedeutet zum Beispiel: keine Heizung im Bad, im Winter niedrigere Raumtemperaturen und geringere Warmwasser-Vorlauftemperaturen. Türen sind nur 1,90 Meter hoch, es gibt keine Tiefgaragenstellplätze oder Regenrinnen und weniger Schallschutz.
Das Konzept wurde von Fachverbänden und Architekten entwickelt und von der Ampel-Regierung aufgegriffen. In Bayern wird es von unterschiedlichen Bauträgern in 19 Modellvorhaben erprobt. Die entscheidende Frage: Würde man so wohnen wollen – oder muss man es bald?
Die Bayerische Architektenkammer sieht darin eine Chance: „Einfach bauen heißt nicht schlechter, sondern intelligenter“, heißt es auf Anfrage der Staatszeitung. Viele Standards seien nicht zwingend nötig, entscheidend sei der Fokus auf das Wesentliche. Unverzichtbar blieben Sicherheit, Gesundheitsschutz, Barrierefreiheit sowie grundlegender Wärme- und Schallschutz.
Aus der Praxis heißt es mitunter, Sanierungen seien oft teurer als Abriss und Neubau – ein Ansatz, der auch in Ländern wie den USA verbreitet ist. Dort wird häufig einfacher und damit kostengünstiger gebaut. „Der Abriss von Bestandsgebäuden mag kurzfristig günstiger erscheinen“, heißt es von der Architektenkammer. In Deutschland steht dagegen ein langfristiger Ansatz im Vordergrund, auch aus Gründen des Ressourcen- und Klimaschutzes.
Abstriche beim Komfort
Für viele ist das jedoch ein schwaches Argument: Entscheidend sei nicht, ob Gebäude nachhaltiger, sondern ob sie bezahlbar sind.
Der Bayerische Bauindustrieverband sieht bei Baustandards ebenfalls erhebliches Einsparpotenzial. So seien nur rund 10 Prozent der Vorschriften sicherheitsrelevant, der Rest oft ein „Nice-to-have“. Entsprechend groß sei das Potenzial. „Hier können signifikante Einsparungen erzielt werden, ohne dass die Wohnqualität spürbar leidet“, so die Einschätzung. Etwa durch eine eingeschränkte technische Ausstattung, vereinfachte Bauweisen oder geringere Stellplatzvorgaben. Letztere orientierten sich oft nicht am tatsächlichen Bedarf: In Städten besitzen viele Haushalte kein Auto, gleichzeitig verteuern Baukosten von bis zu 50 000 Euro pro Stellplatz den Preis pro Wohnung.
Aus Sicht der Wohnungswirtschaft stoßen einfachere Standards nicht grundsätzlich auf Ablehnung. „Die Menschen erwarten keine Luxuswohnungen, sie erwarten bezahlbare Wohnungen, die gut funktionieren“, betont Verbandsdirektor Hans Maier. „Wenn man die Wohnungswirtschaft mit einem Autohersteller vergleicht, dann bauen wir nur Mittel- und Oberklasse.“ Das könne sich kein Staat dauerhaft leisten.
Doch hier setzt Kritik an: Die Zahl der Kritiker ist groß – von Verbraucherschützern bis zu Fachverbänden. Der Bauherren-Schutzbund warnt, dass Kostensenkungen zulasten des Wohnstandards gehen könnten. „Die Einführung eines Gebäudetyps E darf auf keinen Fall dazu führen, dass Verbraucher am Ende den gleichen Preis für weniger Qualität bezahlen“, sagt deren Sprecher Erik Stange der BSZ. Abweichungen müssten klar begründet, transparent gemacht und vertraglich nachvollziehbar ausgewiesen werden, Einsparungen tatsächlich weitergegeben werden. Sonst drohe ein Ungleichgewicht zulasten der Käufer und Mieter.
Mieter sind skeptisch
Eine Umfrage des Bauherren-Schutzbunds zeigt: Mehr als 60 Prozent lehnen niedrigere Baustandards ab, selbst wenn dadurch Kosten sinken. „Die große Mehrheit ist nicht bereit, sich auf Abweichungen einzulassen, die sie am Ende teuer zu stehen kommen könnten“, so Stange.
Noch weiter geht die Kritik aus Fachverbänden. In einer gemeinsamen Stellungnahme warnen Vertreter der Gebäudetechnikbranche vor rechtlichen Unsicherheiten und aufgeweichten Standards. Unklare Begriffe könnten zu Streit führen. Zudem bestehe die Gefahr, dass bisherige Mängel künftig akzeptiert werden müssen. Werden Standards gesenkt, ist im Streitfall oft unklar, wer die Verantwortung trägt. Klare Regeln fehlen bislang – das kritisieren auch Befürworter des Gebäudetyps E und drängen den Bund zu einer schnellen Klärung.
Die Staatsregierung weist Kritik von Verbraucherschützern und Fachverbänden zurück. Bauminister Christian Bernreiter (CSU) betont: „Wir verzichten weder auf Sicherheit noch auf Qualität – im Gegenteil: Kluge, einfache Lösungen sind vielfach für die Bewohner komfortabler und vor allem günstiger im Betrieb.“
Im Landtag wächst der Druck auf schnelle Lösungen. Die Meinungen, wie sich Kosten senken lassen, gehen im Landtag aber auseinander. Die Opposition setzt stärker auf staatliche Steuerung, die Regierungsfraktionen auf weniger Vorgaben und Bürokratie.
Entscheidend wird sein, ob künftig tatsächlich günstiger gebaut wird – oder nur an der Qualität gespart wird. (David Lohmann)
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