Politik

Equal Pay Day: Zusammen mit anderen Organisationen organisiert der DGB Kundgebungen für Lohngerechtigkeit. (Foto: dpa/ipon, S. Boness)

30.01.2026

Quo vadis, DGB? Die Gewerkschaften verlieren Mitglieder – bleiben aber ein Machtfaktor

Jahrelang war es den Gewerkschaften in Bayern abweichend vom Bundestrend gelungen, ihre Mitgliederzahl stabil zu halten. Zwischen 2009 und 2019 legte die Zahl der Mitglieder im Freistaat sogar von 802.000 leicht auf gut 806.000 zu. Als Folge der Corona-Krise und wegen des Stellenabbaus in der Industrie sank sie jedoch bis Ende 2024 auf 765.668. Dabei haben IG Metall und Co. einiges für ihre Anhänger rausgeholt - sowohl bei den Konzernen als auch im politischen Berlin

Große Geschlossenheit: Mit 97 Prozent bestätigten die Delegierten gerade erst den bisherigen DGB-Landesvorsitzenden Bernhard Stiedl im Amt. Der Gewerkschaftsboss kann die Rückendeckung gut gebrauchen. „Wir stehen mitten in großen Umbrüchen“, sagt Stiedl. Tatsächlich war der Ausblick für Arbeitnehmervertreter schon besser. Für das Selbstverständnis der Gewerkschaften zentrale Errungenschaften wie der Achtstundentag wackeln, die Mitgliederzahl schrumpft.

Anders als auf Bundesebene war es dem Deutschen Gewerkschaftsbund in Bayern zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts gelungen, den jahrelangen massiven Mitgliederschwund zu stoppen. Zwischen 2009 und 2019 legte die Zahl der Mitglieder im Freistaat sogar von 802.000 leicht auf gut 806.000 zu. Doch während Corona wurden Tausende Jobs vernichtet. Und seit 2024 machte sich die Krise in der Industrie bemerkbar. Bis Ende 2024 sank die Zahl der DGB Mitglieder auf 765.668 Mitglieder - knapp 10.000 weniger als im Vorjahr.

Auch die IG Metall hat Mitglieder verloren

„Ein Rückgang der Arbeitsplätze in einer Branche führt zunächst zwangsläufig zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen in dieser Branche“, sagt Bayerns IG-Metall-Chef Horst Ott. Denn wer arbeitslos ist und sparen muss, tritt oft aus der Gewerkschaft aus.

Die mit Abstand größte Mitgliedsgewerkschaft IG Metall verlor zwischen 2020 und 2024 gut 10.000 Mitglieder, fast 4000 davon im Jahr 2024. Für das vergangene Jahr wollen die Gewerkschaften ihre Zahlen erst im Februar veröffentlichen. Doch klar ist: Es ging weiter nach unten. Beim DGB heißt es, die Entwicklung sei „kein Ausdruck fehlender Relevanz gewerkschaftlicher Arbeit“. Tatsächlich holten Verdi und Co in den vergangenen Jahren teils kräftige Lohnerhöhungen für die Belegschaften heraus.

Corona-Sonderzahlungen und E-Auto-Prämie - auch ein Verdienst der Gewerkschaften

Auch im politischen Berlin errangen die Gewerkschaften Erfolge – etwa üppige steuerfreie Corona-Sonderzahlungen. Auch ihrem Fürsprechen sind die Absenkung des Industriestrompreises, das spätere Verbrenner-Aus und die E-Auto-Prämie zu verdanken. Der Kasseler Politologe Wolfgang Schroeder sagt: „Wenn es etwa um Verhandlungen mit Brüssel oder Berlin geht, setzen die Arbeitgeber gerne auf die Gewerkschaften und betonen den Wert der Sozialpartnerschaft.“ Die DGB-Gewerkschaften seien „noch immer ein wichtiger Faktor in politischen Entscheidungsprozessen“.

Die DGB-Gründung im Jahr 1949 war zentral für die stabile Entwicklung der Bundesrepublik. Abgesehen von einzelnen Branchen sind die DGB-Gewerkschaften bis heute unangefochtener Platzhirsch. Für die Arbeitgeber bedeutet dies, dass sie anders als etwa in Frankreich nicht mit unzähligen Splittergewerkschaften verhandeln müssen, die sich ein ums andere Mal mit ihren Forderungen überbieten.

Noch immer relativ wenige Streiks im internationalen Vergleich

Streiks waren hierzulande lange eine Seltenheit. Zuletzt nahmen diese aufgrund härter gewordener Verhandlungen insbesondere im öffentlichen Dienst zu. Fielen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in den 2000er-Jahren im Jahresschnitt fünf Tage je 1000 Beschäftigte durch Arbeitskämpfe aus, waren es im Zeitraum 2020 bis 2024 zehn Tage. In anderen Ländern wie Großbritannien war es allerdings ein Vielfaches.

Schwieriger Umgang mit der AfD

Eine Herausforderung für den DGB ist der Aufstieg der AfD – bislang spielen rechte Gruppierungen in den Betriebsräten im Freistaat jedoch keine Rolle. Dies liegt auch am pragmatischen Kurs des DGB: Zuletzt forderte dieser eine Verschiebung des Verbrenner-Aus. Stiedl steht nach eigener Aussage „im regelmäßigen Austausch mit der Staatsregierung“. Der Dialog sei „sachlich und konstruktiv“.

Nur mit Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) wird man bei den Gewerkschaften nicht mehr warm – dieser solle Probleme lösen und sie nicht nur im Bierzelt anprangern, so ein Arbeitnehmervertreter. (Tobias Lill)

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